Ruhe und Sturm

Die letzte Abgabe erledigt. Terminkaskaden absolviert. Weihnachtsfeiern überstanden. In solchen Wochen, dicht getaktet, sehne ich nur eins herbei. Den Moment, auf den die Handlung zielt und hinter dem die Freiheit liegt. Die Freiheit wieder Zeit zu haben. Endlich wieder Zeit zu haben. Zeit um mal im Bett zu bleiben. Zeit um ziellos zu Flanieren. Zeit um Menschen zu betrachten. Zeit sich beim Denken zuzuhören.

Dann ist der Moment fast da. Adrenalinpegel gesenkt und Zeitdruckschmerz verflogen. Doch statt Entspannung kommt erst Angst. Die Angst davor nun Zeit zu haben. Zeit um Zeit für sich zu haben. Angst mit mir allein zu sein.

Davor bin ich weggelaufen. Immer bin ich weggelaufen. Nicht warten oder innehalten. Nicht runter- und zur Ruhe kommen. Ständig in Bewegung bleiben. Settingwechsel. Ausgehen, feiern. Methadon für die Synapsen. Und flüssig verabreichte Sinnkonstruktion. Erst wenn der Körper Ruhe fordert, der Geist schon lange nicht mehr denkt, dann konnt‘ auch ich nach Hause gehen.

Doch diesmal ist es anders. Diesmal fahre ich nach Hause. Und stelle mich der Angst. Denn die Furcht ist bloß Gewohnheit und die Flucht nur ein Reflex. Über Jahre antrainiert. Die Gründe dafür längst beseitigt. Überdauert bloß als Artefakt.

Was bleibt ist ein Gefühl der Leere, das manchmal aufkommt. Dumpf und hohl. Dann spüre ich die Leerstelle. Diese offene Stelle, die neben mir besteht. Neben mir in meinem Bett. Auf dem Stuhl am Küchentisch. Am Einkaufswagen vor’m Regal.

Doch auch die wird nachbesetzt. Neu in einer neuen Stadt. So pack ich langsam meine Sachen. Melancholisch und auch froh. Und sag Auf Wiedersehen, Hamburg und Hallo, ich komm zu Dir, Berlin.

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Abschied. Mal wieder.

Meinen letzten Besuch in Dortmund verbringe ich in Schwerte.
Das macht aber nichts.
Man bindet sich weniger an Orte, sondern an Menschen.
Und die sind heute eben hier.

Und noch weniger bindet man sich an Orte von denen man sagt, das Schönste an ihnen sei der Weihnachtsmarkt. Und man auch die nicht schön findet.

So bin ich halt in Schwerte. Nur nach Bielefeld habe ich es leider nie geschafft.

Sozialexperiment. Woche vier.

Es ist spät. Recht spät. Man könnte sagen nachts. Ich fahre nach Hause. Öffentlich. Ein Mann setzt sich zu mir. Ein nicht unsympathischer Mann. Er klappt eine Zeitung aus. Ihm entgleitet ein Teil und ich hebe ihn auf. Das Feuilleton einer Wochenzeitung. Er bedankt sich artig.

Der Pflicht meiner Versuchsanordnung schuldig erwidere ich etwas. Ich erwidere wie schwierig es sei, das Format in der Bahn zu lesen. Und wie noch viel schwieriger überhaupt die Zeit dafür zu finden. Er stimmt mir wortreich zu. Die Qualität der Artikel wäre es wert. Er sagt welche Artikel und welche Positionen.

In der Klinik habe ich mich entschieden nicht über Politik zu sprechen. Niemals über Politik zu sprechen. Um Menschen weiter sympathisch zu finden. Und zu überleben.

Draußen ist das anderes. So bin ich dankbar meine Haltestelle zu erreichen. Dankbar nicht drei Monate mit ihm in diesem Zug zu sitzen und, dass Sympathie bei politischen Einstellungen unmittelbar enden darf.

Pyrrhussieg

Wissenschaftler haben gerade herausgefunden, dass glücklich zu sein das Leben doch nicht verlängert.

Welch‘ großartige Nachricht für unglückliche Menschen.

Oder auch nicht. Denn was nützt ein langes Leben, wenn man dabei nicht glücklich ist.

Kundenservice

Man ist doch schon recht schmerzfrei. Nach mehrjährigen Therapien und Gesprächen bei Psychiatern, Kliniken, Suchtberatungsstellen. Routinierter Seelenstriptease. Ja, das bin ich. Ja, das hab ich. Ja, das tat ich ebenfalls.

Man ist doch schon recht schmerzfrei. Trotzdem gibt es Errungenschaften, die ich zu schätzen weiß. Den Privatsphärenabstand am Apothekenschalter zum Beispiel. Den gibt’s noch nicht lange. Und schon gar nicht überall. Eine erfreuliche Institution. Es geht schließlich niemanden was an, was ich zu erwerben pflege. Und den Rückschluss auf meine physisch-psychische Verfasstheit erst recht nicht. Das will ich von anderen auch nicht wissen. Ganz sicher, ehrlich und wirklich. Mich berührt das nämlich. Peinlich berührt das nämlich. Wie hinter Kollegen in der Drogeriemarktkasse zu stehen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ja, man ist schon recht schmerzfrei. Aber nicht schmerzfrei genug. Wie ich wieder feststellen muss. Denn was nützt der Privatsphärenabstand am Apothekenschalter, der mich vor Kunden schützt, aber nicht vor Apothekern. Vor jungen, attraktiven Apothekern. Was macht man da? Richtig. Hustenbonbons kaufen und in eine andere Apotheke gehen. Mit Apothekern, die alt sind. Oder hässlich. Oder am besten beides. Und wenn man Glück hat, ist die nächste Apotheke um die Ecke. Und nicht eine Stunde entfernt. Zu Fuß. Bei strömenden Regen.

Angesichts dessen und eines wachsenden Vorrats an Hustenbonbons wittere ich eine Marktlücke. Frauen-Apotheken. Männer-Apotheken. Roboter-Apotheken. Oder anonyme Apotheken mit Vermummungsgebot. Vielleicht mag das jemand mal umsetzen.