Abschied. Mal wieder.

Meinen letzten Besuch in Dortmund verbringe ich in Schwerte.
Das macht aber nichts.
Man bindet sich weniger an Orte, sondern an Menschen.
Und die sind heute eben hier.

Und noch weniger bindet man sich an Orte von denen man sagt, das Schönste an ihnen sei der Weihnachtsmarkt. Und man auch die nicht schön findet.

So bin ich halt in Schwerte. Nur nach Bielefeld habe ich es leider nie geschafft.

Sozialexperiment. Woche vier.

Es ist spät. Recht spät. Man könnte sagen nachts. Ich fahre nach Hause. Öffentlich. Ein Mann setzt sich zu mir. Ein nicht unsympathischer Mann. Er klappt eine Zeitung aus. Ihm entgleitet ein Teil und ich hebe ihn auf. Das Feuilleton einer Wochenzeitung. Er bedankt sich artig.

Der Pflicht meiner Versuchsanordnung schuldig erwidere ich etwas. Ich erwidere wie schwierig es sei, das Format in der Bahn zu lesen. Und wie noch viel schwieriger überhaupt die Zeit dafür zu finden. Er stimmt mir wortreich zu. Die Qualität der Artikel wäre es wert. Er sagt welche Artikel und welche Positionen.

In der Klinik habe ich mich entschieden nicht über Politik zu sprechen. Niemals über Politik zu sprechen. Um Menschen weiter sympathisch zu finden. Und zu überleben.

Draußen ist das anderes. So bin ich dankbar meine Haltestelle zu erreichen. Dankbar nicht drei Monate mit ihm in diesem Zug zu sitzen und, dass Sympathie bei politischen Einstellungen unmittelbar enden darf.

Pyrrhussieg

Wissenschaftler haben gerade herausgefunden, dass glücklich zu sein das Leben doch nicht verlängert.

Welch‘ großartige Nachricht für unglückliche Menschen.

Oder auch nicht. Denn was nützt ein langes Leben, wenn man dabei nicht glücklich ist.

Kundenservice

Man ist doch schon recht schmerzfrei. Nach mehrjährigen Therapien und Gesprächen bei Psychiatern, Kliniken, Suchtberatungsstellen. Routinierter Seelenstriptease. Ja, das bin ich. Ja, das hab ich. Ja, das tat ich ebenfalls.

Man ist doch schon recht schmerzfrei. Trotzdem gibt es Errungenschaften, die ich zu schätzen weiß. Den Privatsphärenabstand am Apothekenschalter zum Beispiel. Den gibt’s noch nicht lange. Und schon gar nicht überall. Eine erfreuliche Institution. Es geht schließlich niemanden was an, was ich zu erwerben pflege. Und den Rückschluss auf meine physisch-psychische Verfasstheit erst recht nicht. Das will ich von anderen auch nicht wissen. Ganz sicher, ehrlich und wirklich. Mich berührt das nämlich. Peinlich berührt das nämlich. Wie hinter Kollegen in der Drogeriemarktkasse zu stehen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ja, man ist schon recht schmerzfrei. Aber nicht schmerzfrei genug. Wie ich wieder feststellen muss. Denn was nützt der Privatsphärenabstand am Apothekenschalter, der mich vor Kunden schützt, aber nicht vor Apothekern. Vor jungen, attraktiven Apothekern. Was macht man da? Richtig. Hustenbonbons kaufen und in eine andere Apotheke gehen. Mit Apothekern, die alt sind. Oder hässlich. Oder am besten beides. Und wenn man Glück hat, ist die nächste Apotheke um die Ecke. Und nicht eine Stunde entfernt. Zu Fuß. Bei strömenden Regen.

Angesichts dessen und eines wachsenden Vorrats an Hustenbonbons wittere ich eine Marktlücke. Frauen-Apotheken. Männer-Apotheken. Roboter-Apotheken. Oder anonyme Apotheken mit Vermummungsgebot. Vielleicht mag das jemand mal umsetzen.

Nachhilfe

Ich habe mich heut‘ zu einem Workshop angemeldet. Damit die Diss endlich fertig wird. Klingt toll. Ganz großartig sogar.

Doch eigentlich kann ich mich gleich wieder abmelden. Denn Arbeitsorganisation, das kann ich. Ich müsste nur meine Gefühle abstellen. Für ein paar Wochen. Einfach mal abstellen. Dann wär‘ die Diss auch ganz schnell fertig.

Aber das wird mir die Dame sicher nicht beibringen. Und was ich in drei Monaten Psychiatrie nicht gelernt habe, wird auch ein Tag Hochschulkurs nicht richten können.