Konstruktivismus

Zeit ist keine apriorische Gegebenheit oder eine immanente Eigentümlichkeit der Natur, sondern eine menschliche Syntheseleistung auf hohem Abstraktionsniveau (Nobert Elias). Und was für die Zeit im Allgemeinen gilt, gilt auch für den Kalender. Eine mehr oder weniger willkürliche Einteilung von Zeiteinheiten und Abschnitten, die der Orientierung und Synchronisation von menschlichen Tätigkeiten dienen. Ein Witz der Geschichte, dass ausgerechnet die Ausweitung des Eisenbahnverkehrs zur Vereinheitlichung von regionalen Zeitzonen führte. Und man doch den Eindruck hat, die Bahn würde in ihrer eigenen Zeitzone existieren. Aber das ist ein anderes Thema.

Eine dieser hochsynchronisierten Tätigkeiten ist das Feiern von Silvester. Wie in keiner anderen Nacht überkommt die Menschen der kollektive Wunsch etwas Besonderes zu machen. Etwas ganz Besonders. Selbst ausgeprägte Partyasketen holen nun die Tanzschuhe raus. Und die Formel Frohe Weihnachten wird unmittelbar abgelöst durch die alljährlich wiederkehrende Frage Was machst Du Silvester? Silvester. Die Leistungsdisziplin in der Amüsier- und Ausgehkultur.

In China wird das neue Jahr zwischen dem 21. Januar und 21. Februar begangen. In Ländern Vorder- und Zentralasien zum Frühlingsanfang am 21. März. In Thailand und im Hinduismus wird Neujahr Mitte April gefeiert. Im Islam wandert der Jahreswechsel fröhlich durch den Kalender. Im Judentum findet Neujahr im September oder Anfang Oktober statt. Noch vor 300 Jahren war in Russland Silvester am 1. September. Und Luther wollte das neue Jahr lieber am 25. Dezember feiern. Das ist gerade mal 500 Jahre her.

Und ich? Ich bin Atheist. Und werde Silvester heute feiern. Mit meinen Lieblingsmenschen in meinem Lieblingslokal. Entspannt und unaufgeregt. Dafür exklusiv. Mit Konfetti, Luftschlangen und Wunderkerzen.

Und morgen, wenn alle sich versammeln, um ein Fondue oder Raclette, sich drängeln in überfüllten Clubs mit Tanzschuhträgern zur Party des Jahres, die schon deshalb meist enttäuschend ist, werde ich einfach gar nichts tun. Außer vielleicht Neujahrsputz.

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3 Gedanken zu “Konstruktivismus

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