Überraschung

Normalerweise merke ich, wenn ich mich aufrege. Und das ist gut. Ich kann intervenieren. Menschen vorwarnen. Oder gleich aus dem Weg gehen. Normalerweise merke ich, wenn ich mich aufrege. Normalerweise. Aber eben nicht immer.

Kollegin kommt rein: Na, alles gut?
Und ich: ALLES GUT?!?! Hast Du mal Nachrichten gesehen? Der Krieg in Syrien, die Situation in Afghanistan oder Jerusalem? Die IS, die Flüchtlingsströme, die geschlossenen EU-Außengrenzen, die Anschläge auf Asylsuchende und Flüchtlingsunterkünfte? Nein, natürlich ist nicht alles gut! Es ist NIEMALS, NIEMALS ALLES GUT!!“

Sie schaut mich an. Und verlässt den Raum.
Und ich geh‘ erstmal skillen.

Hinterher tat es mir leid. Aber mal ehrlich.
Was soll man darauf auch antworten.

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14 Gedanken zu “Überraschung

  1. Ich finde das ehrlich gesagt völlig verständlich wenn du da so reagierst. Ich finde tatsächlich „Und? Alles Gut?“ die mit riesigen Abstand beschi****ste Redewendung die im heutigen Sprachgebrauch salonfähig gemacht wurde. Das spiegelt aus meiner Sicht die heutige Zeit in zwei Wörtern wieder. Alles muss gut sein. Ist ja schon fast rethorisch. Fast sarkastisch. Klar ist alles gut, schlecht gibts ja nicht. Und wenn doch wirds ignoriert. Ich finde viel dämlicher hätte man zwei Wörter nicht kombinieren können.
    Gut, und dann hat sie damit die falsche (oder wie ich finde: die richtige!) Person für diese Floskel gefunden. Ich finde gut, dass du ihr mal klar gemacht hast, wie nichtssagend diese Frage ist und was da eigentlich alles drin steckt. Nämlich bedeutend mehr als nur zwei du** kombinierte Wörter. Mal von persönlichen Konflikten und vom innerem Chaos abgesehen. NIE ist „Alles Gut!“, bei niemandem.
    Könnte ich mich grad hier auch noch aufregen und das obwohl ich eigentlich ne riesen Distanz dazu haben könnte!! 🙂

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    1. Hach, danke. Zusammen aufregen ist doch gleich viel schöner.
      Was ich auch als entsetzliche Sprach- und Umgangsformverwahrlosung empfinde, ist das ständig hingenuschelte „Sorry“.
      Als würde da tatsächlich irgendjemand irgendwas leid tun. Vom Anglizismus mal ganz abgesehen…

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  2. Ja und dann immer mit „Sorry“ schon anfangen. Nach dem Motto, „entschuldigt hab ich mich bereits, jetzt kann ich sagen was ich will“. „Sorry, aber….“. Sprach- und Umgangsformverwahrlosung, du sagst es! Und Oberflächlich bis zum geht nicht mehr. Wo ist das gute alte „Hallo, wie geht’s dir?“ hin? Und dann wäre eigentlich die Möglichkeit ehrlich zu Antworten noch ne feine Sache. Denn obwohl die Frage/Begrüßung meiner Meinung nach schon viel besser ist, da sie eig. frei von Bewertung ist, scheint mir heutzutage die Antwort aber auch klar vordefiniert zu sein. „Hi ja super, kann nicht klagen und Dir?“ „Bestens und selbst?“ Würde mich ja schon auch mal interessieren, wenn man jemand Fremden kennen lernt, er fragt „Hallo wie geht’s?“ und man beschreibt dann wirklich mal in einer Minute wie es einem in diesem Moment geht. Das Gesicht will ich sehen. Übrigens wo wir bei unausstehlichen Floskeln sind: „Muss ja!“ wäre eine meiner Lieblingsantworten auf diese Frage…..

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      1. Das liegt natürlich etwas im Auge des Beobachters und dessen Sichtweise, aber aus deinen Gefühlen und Gedanken heraus hast du sicher recht, dass Respekt für die Leistung eigentlich nicht angebracht ist. Da ist die Impulskontrolle vielleicht mit mir auch etwas durchgegangen in diesem Moment.

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  3. „was geht?“ ist auch sowas, wo ich als rollstuhlfahrerin knurre. diese hingeschi**enen floskeln und dann grosse verwunderung, wenn eine ausführlichere reaktion als „alles cool“ „high five“ und seeya folgt. ich rege mich solidarisch mit dir auf. das ist keine mangeknde impulskontrolle, das ist eine gesunde reaktion auf fehlende sozialkompetenz – oder einer, die mit billigung der gesellschaft klammheimlich nebenbei beerdigt wurde. wer sorgt sich um syrierInnen, wenn weihnachten ansteht, das idealgewicht immer noch nicht erreicht und der sixpack gerade einsinkt? alles gut bezüglich deiner reaktion.

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  4. hm, einige Kollegen, mit denen ich gerne scherze, hätte da „wenn du gehst“ als Antwort bekommen 😀

    andere ein abschätziges „Türlich“ … mehr Worte ist so eine Frage nicht wert … wobei … mein Onkel nutzt sie gerne

    als Kurzform für „Hey, wir sehen uns ja so selten und ich weiß nicht, wie es dir geht. Ist alles ok bei dir?“ und er meint es ernst
    gut, da er mich aber nicht kennt und nicht kennen soll, bleibt es da auch bei einem „Klar doch, bei dir auch?“ in Erwartung, dass er einstimmt

    oberflächlicher Smalltalk, der aber schnell endet mit sowas – und der „Gesprächspartner“ ist zufrieden und ich auch, wenn er nicht nachharkt

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  5. „Alles gut?“ Ich kann diese Frage schon öfters mit „ja“ beantworten. Die Frage wird an mich als Person gerichtet und umfasst für mich nicht die (immerzu) schlimme Situation auf dieser Welt. Wie sollte man die Kraft zu einem erfüllten Leben nehmen , wenn man nicht zwischen seinem Mirkokosmos und dem Makrokosmos differenzieren könnte?
    Ich arbeite mit minderjährigen Kindern die ohne Eltern aus Syrien, Afghanistan etc gekommen sind…..und trotzdem kann ich die an mich gestellte Frage“ alles gut?“ mit „ja“ beantworten. …..vorausgesetzt in meinem Leben ist auch überwiegend alles ganz gut.

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    1. Zusatz…….und genau darin…..“vorausgesetzt in meinem Leben ist auch überwiegend alles ganz gut“…….liegt wohl auch der Unterschied zwischen meiner und den hier geposteten Meinungen. Grüße Michael

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      1. Lieber Michael,
        auch bei mir und in meinem Leben ist weit mehr als nur überwiegend alles gut.
        Nichtsdestotrotz. Wenn die Frage „Alles gut?“ nicht im mitfühlenden Sinne als ein aufrichtiges „Ist bei Dir alles in Ordnung?“ gemeint ist, suggeriert sie entgegen einer offenen Formulierung wie bei einem „Wie geht es Dir?“, dass alles gut zu sein hat und die damit verbundene sozial erwünschte Antwort.
        Zwischen Mikro- und Makroebene zu unterscheiden ist natürlich absolut richtig. Die Anekdote gründete vielmehr in der von mir beschriebenen Spontanreaktion aus einer gereizten Grundstimmung heraus, dem darin enthaltenen Humor, neben einem Hauch von Stilkritik.
        Es grüßt zurück,
        Frau Nuthouse

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  6. Ich muss mich Michael anschließen und die Kritiker von “alles gut”, “was geht” und Co. auf Folgendes aufmerksam machen: Wenn ein Computer den Server von wordpress fragt „alles gut? kann ich hier den Kommentar von User Nina Nuthouse anzeigen?“ Dann meint der Computer es genauso, wie ihr es das interpretiert habt. Er erwartet, dass eine Antwort kommt wie „ja, der Datensatz ist hier, zeige den Kommentar von Nina Nuthouse wie folgt an: bla bla bla“. Oder aber der Server sagt: „Nein, nichts ist gut. Verbindung kaputt, bla bla bla, zeige lieber folgende Fehlermeldung an: bla bla bla“.
    Menschliche Sprachen funktionieren ganz anders. Deswegen können Computer unsere Sprachen auch nicht richtig übersetzen. Könnten Computer unsere Sprachen verstehen, könnte jeder von uns programmieren. Wenn also ein Mensch fragt „alles gut?“, kann es sein dass er nur meint „ich hab gesehen, dass du da sitzt und zeige dir hiermit ein bisschen oberflächliche Beachtung“. Mehr heißt das nicht. Mehr muss dir in dem Moment der Arbeitskollege auch nicht sagen. In vielen Kulturen erwartet man auf die Frage „wie geht’s“ nicht mal eine Antwort. Die Gegenfrage „wie geht’s dir?“ ist in vielen Sprachen mehr als genug. Es heißt einfach: „ich hab dich auch wahrgenommen und respektiere dich“.
    Wenn ein Sprecher nicht besonders gebildet ist, keine so authentische Ausdruckformen kennt wie man selbst, darf man es ihm auch nicht übel nehmen. „Was geht?“ hat aus der Perspektive des Sprechers in dem Moment nichts mit dem Rollstuhl der angesprochenen Person zu tun. Der Sprecher drückt sich halt so aus, es hat nichts mit dir zu tun, liebe Vorrednerin. Seine einzige Absicht war sogar, dir irgendwie mitzuteilen „ich nehme dich wahr und respektiere dich.“ Sonst würde er dich gar nicht erst begrüssen. Deswegen darf man es ihm auch nicht übel nehmen. Keiner von uns ist so perfekt wie ein Computer, ganz im Gegenteil: Gerade weil unsere Kommunikation viel komplexer ist, sind wir alle viel toller als Computer. So sehe ich das zumindest 😉

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