Ein ganz normaler Arbeitstag

Manchmal werde ich gefragt, was ich den ganzen Tag so treibe. Wenn ich meine Doktorarbeit schreiben sollte und einfach nicht vorankomme.

Ich weiß dann immer keine Antwort. Denn ich bin kein Müßiggänger oder gar ein Faulpelz. Ich steh‘ um 6:30 Uhr auf, geh‘ Joggen, mach‘ Frühstück und bin um neun am Schreibtisch. Aber dann passieren Dinge. Unerwartet. Ich meine nicht Gefühlsanfälle, Unlust oder Panik. Die passieren auch. Nein, ich meine Dinge. Dinge eben.

Ich bin süchtig nach Kaffee. Das schrieb ich bereits. Und liebe meine Kaffeemaschine. Weil sie guten Kaffee macht. Doch mehr noch weil sie schön ist. Wirklich schön. Aus Edelstahl. Tailliert. Perfekte Proportion. Und die Kanne augenschmeichelnd. Nun ist sie kaputt gegangen. Ein Schock. Und die Garantie abgelaufen. Ich hab sie schließlich aufgeschraubt. Wie sie von innen aussieht, weiß ich jetzt. Und jetzt ist sie wirklich auch kaputt.

So musste eine Neue her. Doch mein Modell gibt es nicht mehr. Und keine so hübsch wie meine war. Das bringt mich zur Verzweiflung. Ich umgebe mich gern mit schönen Dingen. Das Leben viel zu kurz für hässliche Objekte. Drei Läden später kaufte ich eine. Doch glücklich machte sie mich nicht. Im Netz dann kaufte ich die zweite. Zur Lieferung war ich nicht da. Auf zur Post und dann zurück, zack – wieder eine Stunde weg. Zu Hause stand ich nun davor. Noch unglücklicher als zuvor. Zwei Maschinen. Beide nicht hässlich. Doch weit entfernt von schön. So schön wie meine Alte war. So stand ich da und sah sie an. Ne Stunde ungelogen. Und konnt‘ mich nicht entscheiden. Eine brachte ich zurück. Doch glücklich bin ich weiter nicht.

Manchmal werde ich gefragt, was ich den ganzen Tag so treibe. Mich um Kaffeemaschinen kümmern zum Beispiel. Man kann jetzt einwenden, dass das nicht jeden Tag passiert. Das ist richtig. Aber irgendwas passiert immer. Etwas, das gelöst werden muss. Und zwar auf die mir eigene, zwanghafte Weise. Das ist nicht nur umständlich, sondern fordert Ressourcen. Zeitliche, finanzielle und vor allem kognitive. Die fehlen dann woanders. Der Doktorarbeit zum Beispiel. Aber ein neuer Wasserkocher fehlt mir gerade auch.

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5 Gedanken zu “Ein ganz normaler Arbeitstag

  1. Was mich aber wirklich in die Verzweiflung treibt und von der Arbeit abhält ist, dass ich diesen Text zwar in zehn Minuten runtergeschrieben, aber drei Stunden damit zugebracht habe, ihn immer und immer wieder umzuformulieren. Weil ich nicht zufrieden war. Bin ich immer noch nicht. Außerdem reimt er sich im Mittelteil. Er soll sich nicht reimen. Aber er reimt sich. Einfach so. Damit müsst ihr jetzt klarkommen. Und schlimmer noch: ich auch.

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  2. Hahaha, kommt mir bekannt vor. Man sucht sich ja auch die „Arbeit“ ich plane seit einer Woche meinen Besuch der Buchmesse. Habe Preise mit und ohne Behindertenrabatt verglichen, Bus Bahn und Autoverbindungen geprüft, bei FB in einer Autorengruppe nach dem Sinn eines Messebesuchs gefragt und nun sogar eine Eintrittskarte als Fachbesucher gewonnen. Das alles in ein paar Tagen und nun beschäftigt mich wie ich meinem Freund erklären soll, dass ich da hin möchte obwohl er das nicht gut finden wird. So viel Zeit dafür dass ich wahrscheinlich zuhause bleiben werde. Gab es da nicht mal einen Werbeslogan? Es gibt immer was zu tun, packen wir’s an.

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  3. Erstens, weil ich eine Woche geplant habe ohne mit ihm darüber zu sprechen und zweitens (was auch der Grund für ersteres ist), traut er einen solchen TaTaTagesausflug meiner Emotionsregulation nicht zu, zumal das gesteigerte Interesse fürs schreiben ja auch wieder ein Hinweis auf eine bevorstehende Manie hinweist.
    AlAlles nicht so einfach aber Hauptsache ich kenne die Abfahrtszeiten für den Reisebus nach Frankfurt inkl. Alternativen auswendig.

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  4. Bei vielen deiner Blogtexte kommt bei mir immer wieder das Gefühl auf, dass viele Dinge bei mir einfach unbeachtet vorrüberstreichen.
    Wenn ich mich nicht entscheiden kann, nehm ich das dritte von links. Über das Design meiner Kaffeemaschine hab ich mir nie Gedanken gemacht. Hauptsache sie reißt mich mit ihrem fröhlichen Gluckern und dem herb-lieblichen Duft aus dem Aufrechtschlaf.
    Morgen früh achte ich mal darauf, welche Farbe sie eigentlich hat. Ich glaub sie ist schwarz.

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