Süchtig

Ich bin süchtig so lange ich denken kann Als ich acht war, habe ich an Filzstiften gerochen, an Klebstoff und an Nagellack. Ich habe hyperventiliert. Es kam Marihuana hinzu. Dann Alkohol. Mit 18 war ich bei Kokain angekommen. Wenn man mir sagen würde, leck den Boden ab, es kickt, ich würde es tun.

Nein, das ist nicht von mir. Das ist von Amber Valletta. Aber es könnte von mir sein. Auch wenn ich nie Klebstoff geschnüffelt oder am Boden geleckt habe.

Ich bin auch süchtig. Schon immer. Ich bin süchtig nach Orangenmarmelade und Ziegenkäse. Ich bin süchtig nach Zigaretten, Alkohol und Kaffee. Ich bin süchtig, nach allem was Spaß macht und Bestätigung gibt. Ich bin süchtig nach Anerkennung. Und manchmal auch nach Sex. Ich bin süchtig nach Laufen. Nach meinem Mobiltelefon. Ich war süchtig nach Facebook. Und Kiffen. Aber das ist lange her.

Umso mehr freue ich mich. Ich freue mich über alles, nachdem ich nicht süchtig bin. Nur ist die Liste kürzer. Viel kürzer. Ich bin nicht spielsüchtig. Ich nehme nicht Tabletten. Ich mache mir nichts aus Schokolade. Süßigkeiten generell. Ich bin nicht kaufsüchtig und arbeitssüchtig. Auch wenn ich Müßiggang nicht ertrage. Und mein Konto überzogen ist.

Ich habe versucht sie gegeneinander auszuspielen. Dauerlaufen gegen Kettenrauchen. Drogen gegen Ehrgeiz. Ehrgeiz gegen Facebook. Und Sex gegen alles. Aber Süchte kommunizieren und kooperieren. Kokain, Sex und Alkohol. Bestätigung, Facebook, Mobiltelefon. Stelle ich eins ab, nehmen die anderen zu. Süchte kommunizieren und kooperieren. Unmöglich die Balance zu halten.

Ich bin süchtig so lange ich denken kann. Das kann ich nicht ändern. Das muss ich akzeptieren. Es ist Teil meines Charakters. Der ist nicht schlecht, nur eben süchtig. Zu wissen, wo es herkommt, ist hilfreich. Hilft nur nicht allein. Zu fragen, was mir fehlt, schon eher. Und meistens ist es Liebe. Ausschließlich von mir selbst. Und vielleicht noch Ziegenkäse.

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15 Gedanken zu “Süchtig

  1. … hat man jemals genug, ist man jemals zufrieden? Es ist doch eine ständige Jagd, die man niemals gewinnen kann, weil es immer wieder etwas geben wird, das einem fehlt…

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  2. hach,..herrjeeh..
    Fast 1:1.. und ich will es so ungern lesen.
    So schwarz auf weiss, so ehrlich und realistisch.
    F.ck..erstmal eine rauchen..
    Und ich hasse es!
    Aber danch schmeiss ich mir ne Teure Gesichtmaske auf´s Gesicht.
    Man muss ja was tun,ne !?
    😉
    Hab nen schönen Sonntag, du Nuss in deinem Haus, in dem du uns eintreten lässt.
    Merci.

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  3. Also dann das outing:
    Ich bin süchtig nach Anerkennung, süchtig nach Schokolade und nach Erfolg. Ich bin süchtig danach gebraucht zu werden und gleichzeitig nach Gewalt.
    Ich bin süchtig nach Selbstverletzung und ob man es Sucht oder Craving nennt wird dies niemals gänzlich vergehn. Einmal süchtig, immer süchtig.
    Folgende Süchte habe ich in den Griff bekommen (will heißen ich benötige es nicht, wenn man mich nicht verleitet): Drogen, Alkohol, Zigaretten, Sex.
    Man könnte meinen ich sei ein Rockstar und mein Leben ist eine einzige Party, wenn an das so liest.

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  4. Sucht ist nur ein Ersatz für fehlende Liebe, Zuneigung, Anerkennung. Ob wir das nun wollen oder nicht, aber wir brauchen es! Wir sind Herdentiere und nur so funktioniert Gemeinschaft. Nicht jeder hat die große Liebe in seinen 4 Wänden sitzen, also braucht man Ersatz und in dieser schnelllebigen, ständig wechselnden Gesellschaft umso mehr und intensiver! Sicherheit, Halt, Geborgenheit usw. Ich bin auch ein Suchttyp, aber ich versuche die nicht allzu schädlichen zu kompensieren und ich habe den Vorteil, dass ich eher dominant als devot bin, heißt ich kontrolliere lieber als mich kontrollieren zu lassen.. eine schöne Form der Sucht ist auch der gesamte SM-Bereich, vielleicht mal auf dieser Schiene suchen, mir hats geholfen 😀

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  5. Hach ja. Im Laufe der Zeit stellt man eben fest, wonach man alles süchtig werden kann. Und so sehr ich den Umgang mit Menschen oft als schwierig empfinde, manche schaffen es leider, eine Sucht nach ihnen auszulösen. Das ist ein bisschen gaga. Meiner Meinung nach ist die Sucht nach einem Menschen in etwa genauso schwer abzulegen wie Essstörungen. Ein soziales Umfeld zu haben ist wichtig, so wie die Nahrungsaufnahme 😉

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  6. Suchtverlagerung ist toll.
    Du kannst sagen, du bist facebookabstinent, du bist … abstinent von vielem und es klingt toll, als hättest du es geschafft.

    Und wenn du niemandem die dafür erschaffene Sucht verrätst, schenkt er dir die gewollte Anerkennung – für etwas, wo du vermutlich denkst, du hast es nicht verdient.

    Hm, Du? oder ich?
    ok, ich bin so

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  7. Süchtig seit ich denken kann?
    Check.
    Nach Nägel kauen , sich die Haut blutig kratzen.
    Später Alkohol, Drogen, Medikamente.
    Magersucht noch davor.
    Kaufsucht.
    Svv.
    Eins löste das andere immer wieder ab.
    Um die leere zu betäuben, die Unruhe in einem selbst zum Schweigen zu bringen.
    Und um davon abzulenken, wie sehr man sich doch selbst eigentlich hasst.
    Fehlende liebe zu sich selbst? ??
    Check.
    Der Versuch sie mit wechselnden Beziehungen zu stillen. ..grober Fehler.
    Und fast mein Untergang.

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  8. Dieser Blog ist unblaublich hilfreich und ich bin sehr dankbar dafür, dass ihr mir verstehen helft, was mich von frühester Kindheit an betroffen, eigentlich eher meine Kindheit und Jugend überschattet hat, ohne dass ich wusste, was es ist und ohne verstehen zu können, warum es so ist, wie es ist.
    Damals kam ich mit den schnell wechselnden Stimmungen und widersprüchlichen Signalen meine Mutter nicht klar, konnte z.B. nicht verstehen warum sie mich – ohne Vorwarnung und ohne dass ich was falsches gemacht hätte – in einer Minute aufs übelste verprügelte, in der nächsten von mir verlangte, dass ich sie umarme und lieb habe. Ich konnte auch ihre Vorwürfe damals nicht versehen, dass alle möglichen Menschen aus ihrem Umfeld, einschließlich mir, angeblich Drogen nehmen würden, obwohl sie und sonst niemand aus meinem Umfeld öfters mal total weggetreten war. So wenig wie ich verstehen konnte, dass sie mir häufig vorwarf, ich hätte ihr Leben zersört und dann aber manchmal behauptete, ich sei ein Wunschkind. Was ich ihr nicht glauben konnte, da sie wegen mir heiraten „musste“ und dann auch noch einen Mann, der nicht mein leiblicher Vater ist, den sie eigentich verachtete, aber als Versorger brauchte, weil sie aufgrund ihrer Ängste und Zwänge nicht in der Lage war, jemals ihren gelernten Beruf auszuüben oder einer anderen Arbeit nachzugehen.
    Als ich erwachsen war, dachte ich dann, sie sei manisch-depressiv, wobei die manischen Phasen bei ihr nie euphorisch, sondern immer gewalttätig und zerstörerisch waren. Das war noch in einer Zeit, als man Infos aus Büchern bezog, es gab damals noch kein Internet. Noch viel später und nach dem kompletten Bruch habe ich das erste Mal das Wort Borderline gehört und diese Beschreibungen trafen mit erschreckender Genauigkeit das, was ich bei meiner Mutter erlebt hatte.
    Erst durch diesen Blog kann ich aber in etwa nachvollziehen, was Borderline bedeutet und auch, wie man als Betroffener damit umgehen kann, wenn man in der Lage ist, sein eigenes Verhalten zu reflektieren. Leider kommt diese Erkenntnis für meine Mutter zu spät. Zum einen, weil meine Mutter weder allzu gebildet noch allzu intelligent war und nie in der Lage war, Gefühle und eigenes Verhalten zu überdenken, vor allem aber, weil meine Mutter inzwischen alt, multimorbid und dement ist. Ihr Trauma waren wohl der Krieg, die Flucht 1945 und die frühe Kindheit in einem stark zerbombten Stadtteil Berlins. Ich habe aus Selbstschutz auch schon lange keinen Kontakt mehr mehr zu ihr.
    Mir helfen diese ehrlichen Betrachtungen aber, die Vergangenheit zu verarbeiten und helfen, Verletzungen bei mir heilen zu lassen, die ich in meiner Kindheit und Jugend erlitten habe. Dafür möchte ich mich bei dir, Nina und den vielen anderen bedanken, die sich hier in Kommentaren zu Wort gemeldet haben.

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