Haben und Sein

Im Modul „Umgang mit Gefühlen“ wurde uns beigebracht, Abstand zu unseren Emotionen aufzubauen: Ich habe ein Gefühl. Ich bin nicht das Gefühl.

So weit, so gut. Nur leider stimmt das nicht. Man kann Gefühle nicht besitzen. Sagt auch Fromm. Wenn man Gefühle haben könnte, wäre Liebe ein Ding, eine Substanz. Aber man kann Liebe nicht besitzen. Ebenso wenig die Menschen, die man liebt. Das führt bei mir zu Eifersucht. Und die wiederrum kann mich haben. Aber ganz gewaltig.

Die für Sexualität, Kämpfen, Jagen, Sammeln und Verteidigen notwendigen Fähigkeiten des Gehirns haben sich schon vor 500 Millionen Jahren bei den Reptilien gebildet. Erst vor 120 Millionen Jahren entstanden die emotionalen und motivationalen Systeme für die Aufzucht von Nachwuchs, Allianzenbildung, Spiel und Statushierarchie. Und vor zwei Millionen Jahren kamen die Kompetenzen für komplexes Denken, Reflexion und Selbstidentität dazu.

Gefühle sind alt und archaisch. Viel älter als Sprache. In allen Sprachen gibt es Worte für Gefühle. Nicht für „haben“. Im Hebräischen wird es mit „es ist mir“ zum Ausdruck gebracht. Fein. Dann ist mir Wut. Mir ist Angst. Mir ist Eifersucht. Klingt großartig. Hilft aber nicht.

„Ich habe ein Gefühl“ soll Distanz schaffen. Ich stelle mir mein Gefühl vor. Halte es in der Hand. Betrachte es von allen Seiten. So pulsierend wie es ist. Ich ergründe es. Zerlege es in Einzelteile. Ich kann es logisch auseinandernehmen. Ich verstehe mein Gefühl. Woher es kommt. Warum es da ist. Was es will. Und – weiß es besser. Nur auch das hilft nicht. Es hilft nicht klüger zu sein als mein Gefühl.

Es ist seit langer Zeit bekannt dass Logik und Gefühl in Konflikt geraten können. Der grundlegende Punkt ist, dass zwischen Kognition und Emotion keine einfach geartete Verbindung existiert und dass diesen unterschiedliche neurophysiologische Systeme zugrunde liegen. Daher lässt sich eines der Probleme bei der Herstellung einer Verbindung zwischen Denken und Fühlen auf die Tatsache zurückführen, dass unterschiedliche explizite und implizite Systeme jeweils unterschiedliche Verarbeitungsstrategien und Schlussfolgerungen anbieten.

Emotionen sollen uns Informationen geben. Und einen Handlungsimpuls vorschlagen. In neun von neun Fällen ist dieser nicht klug. Oder gar weise. Und mein Verstand der bessere Ratgeber. Denn rational komme ich zu einer anderen Bewertung. Und einem anderen Impuls. Aber das interessiert mein Gefühl nicht. Es ist da. Und will was von mir.

Mein Liebling bei Star Trek war Data. Data hatte keine Gefühle. Er war klar und analytisch. Logisch und rational. Immer. Dann kam der Emotionschip. Und alles war hinüber. Doch er lernte damit umzugehen. Und in Notsituationen kann er den Schaltkreis abschalten. Der Held. Diesen Schalter hätte ich auch gern. Nicht nur für Notsituationen.

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6 Gedanken zu “Haben und Sein

  1. Data ist cool. Schaltkreise umlegen, können nur un-empathen…psychos und solche, die hirnamputiert sind. Gefühle sind die wichtigste schutzfunktion und sie lassen sich tatsächlich abschalten, wenn man lernt, was einen so kaputt macht, geht man dem mist aus dem weg. Sowas nennt man verantwortung für sich tragen, is nur doof, wenn man dem kollektiven massenbewusstsein mit seinen ermahnungen und werten im weg steht. DAS ist die grosse aufgabe, den ganzen heuchlern zu zeigen, wie schön ihr spiegelbild doch in wirklichkeit ist, nämlich hässlich.

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  2. BTW. Ich befasse mich mit astrologie, mehr recht als schlecht, aber egal…ich habe da mars quadrat neptun, ich BIN die perfekte projektionsfläche für unverarbeiteten mist, den andere ständig verdrängen, herrlich, ich habe dann auch immer so gefühle und dann auch noch die der anderen, die auf mich projeziert werden…man, da kann ich immer gar nicht genug von bekommen. Im übrigen SIND wir und wir haben NICHTS….;-) Aber das mit dem abstand ist schon ne tolle lösung, wenn sie denn funktioniert…meistens erst, wenn das problem mundtot geworden ist…;-)

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  3. Hmm, indirekt mag das stimmen nina, nur bin ich in der tat ein schüchterner mensch und meide den kontakt zur aussenwelt und mich interessiert auch nicht, was andere machen da draussen. Da bin ich recht kühl und ja, reserviert. Ich kann auch sowas von neutral sein. Und genau so eine haltung ist es aber, die „mein gegenüber“ auf den plan holt. Dass man selbst seine leichen im unterbewusstsein hat, ist klar. Ich bin mir über viele dinge auch bewusst, doch bin ich die letzte, die streit sucht und anderen vorschriften macht, sowas provoziere ich immer durch eine neutrale-ist mir-egal, was-andere-machen-haltung undmeine schüchternheit und die ist wirklich so…ich bin kein menschenfeind, finde aber, die leute sollten immer zu erst sich anschauen, bevor sie auf anderen rumhacken und dieses muster kann ich immer wieder beobachten…es ist langsam anstrengend.

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