Ansichtssache

Die Welt bietet vielfältige Interpretationsmöglichkeiten.

Man kann sie ständig gegen sich verwenden. Und negative Grundannahmen von sich und der Welt bestätigen. Ja, die Welt ist feindlich. Und böse. Und Menschen sind schlecht. Und gemein. Natürlich vor allem zu mir. Aber man kann das auch anders sehen. Wenn man möchte. Denn für alles gibt es unterschiedliche Erklärungsansätze. Die sind auch kulturell bedingt.

Ein Beispiel: Eine Person eilt die Rolltreppe herunter. Rempeltet alle zur Seite. Hechtet in die U-Bahn.

Der Deutsche würde denken: Was für ein rücksichtsloses Arschloch.

Der Japaner würde denken: Er wird seine Gründe haben. Vielleicht ist seine Frau krank. Oder dem Kind etwas passiert.

Ich will nicht Deutsch denken. Ich will die Welt japanisch sehen.

Und das lässt sich trainieren. Man erklärt sich die Dinge nach erlernten Mustern und Annahmen. Annahmen von sich. Und den Motiven menschlicher Handlungen. Warum es nicht mal anders sehen?

Jemand grüßt seit Tagen nicht mehr? Kann sein, dass er mich nicht mehr mag. Der blöde Ignorant. Kann aber auch sein, dass er Probleme hat. Und gerade sehr mit sich beschäftigt.

Die Kollegin stellt fest, ich sei selten im Büro gewesen. Kann Kritik an meiner Arbeitsmoral sein. Kann aber auch sein, dass sie mich vermisst hat.

Die Welt bietet vielfältige Interpretationsmöglichkeiten. Warum nicht die freundlichere wählen? Eine objektive Wahrheit gibt es selten. Noch seltener werde ich sie erfahren. Also, warum nicht den Weichzeichner über die Realität legen? Ja, die Welt mag feindlich sein und böse. Und die Menschen sind schlecht und gemein. Aber zumindest nicht heute. Und ganz sicher nicht zu mir.

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10 Gedanken zu “Ansichtssache

  1. Wie kommst du darauf, dass der Japaner so denkt? Ich habe Japaner als extrem Gruppenfreundliche Menschen erlebt, die jede Handlung, die der Gruppe oder Masse schaden oder diese stören als extrem negativ und beleidigend auffassen. Zurückzuführen ist das logischerweise auf die Massen an Menschen auf wenig Raum in Japans Großstädten und der Tatsache, dass die Rechte des Individuums in Japan dem der Gruppe und der Masse unterstehen. Also wenn du Dinge „japanisch“ sehen willst, dann sähest du diese immer aus der Sicht der Gruppe, deren einzelne Individuen Ihre Bedürfnisse dem Wohl der Gruppe unterstellen und darauf stolz sind.

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      1. Bitte nicht loeschen diesen und keinen anderen Beitrag 😉
        Ich finde es geht hier um das grosse Ganze deines Beitrags: erst in der Bewertung der Dinge entwickeln wir Gefuehle dazu u diese sind „angelernt“ und koennen dann zu Wut, Trauer, Freude etc. fuehren…
        Der Rest ist ja klar..deshalb sieht/bewertet die Dinge positiv..so oft u gut es geht..irgendwann ist dieser „Muskel“ gut trainiert. Danke dir!

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  2. Nee, dat stimmt schon, aus dem östlichen raum kommen ja auch ideologien wie zen und der buddhismus als religion, alle diese dinge sind darauf aus, das gute zu sehen. Und mit sich in der mitte zu sein.

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  3. „Nicht die Dinge selbst, sondern unsere Vorstellungen über die Dinge machen uns glücklich oder unglücklich“ (Epiktet). Oder auch: „Die Botschaft bestimmt der Empfänger“ (auch jemand Schlaues). In diesem Sinne ein großes Dankeschön für deinen großartigen Block!!

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  4. Wie klappt es denn mit dem Umdenken?

    Ich hatte den Beitrag schon vor 2 Wochen frisch gelesen, aber war da mit den vorherigen noch nicht durch.

    Diesen hier finde ich besonders schön.
    Doch wie schafft man es, sich immer wieder daran zu erinnern?

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