Die kleinen Dinge

Es gibt Dinge, die ich nicht verstehe. Viele Dinge. Mit Dingen, die ich nicht verstehe, kann ich ganze Bücher, nein, mehr noch Büchereien füllen. Aber ich dachte, zumindest mich verstanden zu haben. In weiten Teilen. Trotzdem gibt es Dinge, die ich noch immer nicht verstehe.

Zum Beispiel, worüber ich mich aufrege. Es passieren Dinge, die sind wirklich ärgerlich. Der Verlust von Erbstücken. Oder Schmuck. Verlobungsringen. Ja, darüber könnte ich mich aufregen. Das spüre ich deutlich. Ich tue es aber nicht. Was würde es ändern? Es macht mich traurig und betroffen. Jedes Mal, wenn ich dran denke. Aber ich rege mich nicht auf. Andere Dinge sind von weniger Bedeutung. Und über die rege ich mich auf. Maßlos.

Ich finde morgens meine Socken nicht. Nicht irgendwelche Socken. DAS Paar Socken, das zu meinem Outfit passt. Auch wenn es in den Stiefeln nicht zu sehen ist. Egal. Es MUSS dieses Paar Socken sein. Und ich finde es nicht. Dabei hab‘ ich ein System. Ein gutes System. Trotzdem find‘ ich meine Socken nicht. Und das morgens. Anspannung 80.

Oder jemand in der Schlange vor mir kauft das letzte Lieblingsbrötchen. MEIN Lieblingsbrötchen. Zack – steh ich am Rande des Nervenzusammenbruchs. Ich habe schon ernsthaft Diskussionen angefangen. Und die Person gebeten, ein anderes Produkt zu wählen. Nachdrücklich. Und manchmal sogar mit Erfolg. Die starken Emotionen, die Backwaren bei mir auslösen, scheinen eine überzeugende Wirkung zu haben. Irgendwie.

Oder der Bus fährt vor der Nase weg. Vor meiner Nase. Obwohl der Fahrer mich gesehen hat. An die Fensterscheibe klopfend. Das kann zu Wutanfällen führen. Oder resigniertem Weinen an der Haltestelle.

Als mein Vater starb, habe ich genau eine Nacht geweint. Danach hab‘ ich mich gekümmert. Es muss ja viel geregelt werden. Und Organisieren kann ich gut. Als zwei Wochen später meine Wohnung abbrannte, war ich fassungslos. Aber ich habe nicht geweint. Ich habe mich gekümmert. Auch hier muss viel geregelt werden. Und Organisieren, ja, das kann ich gut. Organisieren kann ich besser als traurig sein. Traurigkeit ist Ohnmacht und Hilflosigkeit. Organisieren lässt mich Herr der Lage werden. Und Struktur schafft Hoffnung.

Seit der Klinik weiß ich, dass Traurigkeit gerechtfertigt ist. Man muss ihr Raum und Zeit geben. Sonst wird aus Trauer Wut, die sich im Kleinen zeigt. Weil das Große unerträglich scheint. Und wenn ich wieder Amok laufe, weil ich meinen Bus verpasse, vielleicht die falschen Socken trage und mein Lieblingsbrötchen ausverkauft war, sollte ich mir vielleicht mal wieder Zeit nehmen. Zeit um Sachen zu betrauern, die die Traurigkeit verdienen. Und die Freude den kleinen Dinge überlassen.

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6 Gedanken zu “Die kleinen Dinge

  1. Hallo, ich lese deine Zeilen täglich. Es ist schön wenn jemand ein Talent zum schreiben hat und es dann noch schafft aus katastrophalen Situationen etwas lustiges herauszuzaubern. Ich lerne auch gerade, dass Wut mich kaputt macht, im wahrsten Sinne des Wortes. Meine Wut ist über 40 Jahre alt und kämpft sich immer wieder nach oben. Dabei ist es pure Traurigkeit. Solingen ich voll am organisieren und planen bin geht es mir gut, aber kommt Ruhe kommt Wut. Danke für deine Worte, ich freue mich immer was neues von dir zu lesen

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  2. Aus dem Herzen gesprochen. ..

    Ich weiß nicht, wie ich es am besten sage…
    Also gerade heraus : mir geht es oft genauso. Verlorene Dinge, lange verlorene Dinge, denen ich ewig, bis heute, nachtrauere.
    Kleine Dinge des Alltags, die mich schier zur Weißglut bringen. .
    Jedoch die Krebserkrankung meines Vaters, nunja, ich musste trösten, …
    Meine Mutter. …
    Verstehen, Verständnis zeigen für ma und pap.
    Das kann ICH gut, sehr gut.
    Trösten, verstehen, organisieren, aber nur nicht trauern.
    Wütend sein ist auch ok.
    Nur nicht trauen.
    Trauer ist schwäche, für mich zumindest.
    Also bin ich stark. Tröste, verstehe, organisiere.
    Und Weine, wenn ich für mich allein bin.

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  3. ich dachte, ich kann „gut“ trauern. aber man sagte mir, ich müsste wütend sein, um richtig zu trauern – auf den anderen, der nicht mehr bei mir ist, mich nicht mehr im arm hält und … bei den vielen dingen, die ich jetzt alleine machen muss.
    ich sagte ihnen, dass ich das nicht könnte
    wütend sein, auf jemanden, der nicht freiwillig „weg ist“, dann trauere ich lieber „falsch“.

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    1. Die Sache ist wohl eher kein Gefühl zu unterdrücken oder durch ein anderes zu kompensieren, welches dann zu stark wird.
      Zu stark um damit umgehen zu können. Wenn die Trauer für Dich händelbar ist, gibt es doch auch kein Problem.
      Ich habe den Eindruck, zusammen hätten wir in dem Bereich einen recht ausgeglichenen Gefühlshaushalt. 😉

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  4. Kleine Dinge doof zu finden ist ja nun auch wesentlich leichter, als sich mit großen Katastrophen zu befassen oder?

    Wobei kleine Dinge ja gerne beim Borderlinern großen Katastrophen gleich kommen – bei mir zumindest.

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