Die Vergangenheit ändert sich, ständig.

Wir alle haben eine Kindheit. Bei manchen war sie gut. Bei anderen weniger. Auch unsere Eltern sind nur Menschen. Menschen sind nicht perfekt. Und unsere Eltern sind auch nur Kinder. Kinder ihrer Eltern. Und die waren auch nicht perfekt.

Manche von uns sind resilient. Und bleiben stabil, gesund und selbstgewiss. Egal was passiert. Und auch nach Kindheitstraumata. Ich bin es sicher nicht. Ich bin nicht resilient. Ich hatte keine schlimme Kindheit. Klar, besser geht immer. Irgendwie. Die Mutter weniger überfordert. Von ihren eigenen Ansprüchen. Und der Vater mehr präsent. Wenn ich ihn gebraucht hätte. Oder vielmehr meine Mutter. In der Schule gemobbt zu werden, war auch nicht schön. Nein, ganz sicher nicht. Doch selbst die Summe der Dinge konnte es mir nicht erklären. Ich wünschte mir fast ein Trauma. So anmaßend das klingen mag. Als Begründung. Nein, eher als Rechtfertigung für meine Persönlichkeitsstruktur. Kein Missbrauch, keine Misshandlung, keine Vernachlässigung. Und trotzdem so verrückt. Was bist Du für ein Weichei. Ja, so dachte ich von mir.

Zwischendurch gab es eine Phase. Da gab ich meiner Mutter die Schuld. Vor der Psychoanalyse war meine Kindheit perfekt. Nach drei Jahren Couch die Katastrophe. Ich bin kein Fan der Psychoanalyse. Nicht zuletzt deshalb. Dinge hervorzuholen, den ganzen stinkenden Müll des Verdrängten, und ihn nicht richtig zu verklappen, ist der Kardinalfehler dieser Therapieform. Meine Meinung. Dass mich die Therapeutin als untherapierbar entlassen, heißt rausgeschmissen hat, wird einen Teil dazu beigetragen haben. Ich würde mit zu großem Lustgewinn in die nächste Katastrophe laufen, sagte sie. Und wolle mich gar nicht verändern, sagte sie ebenfalls. Aber das ist eine andere Geschichte.

Da stand ich also. Und gab meiner Mutter die Schuld. Für meine Krankheit. Beziehungsweise „sehr spezielle Persönlichkeitsstruktur“. Ich war wütend. Sehr wütend. Auf sie. Erst in der Klinik habe ich gelernt es anders zu sehen. Ich bin das Ergebnis genetischer Veranlagung und einer frühen Biographie, die ich mir nicht ausgesucht habe. Und der Einfluss von Biographie ließ sich auf Station vortrefflich betrachten. An Menschen mit ganz ähnlicher Veranlagung. Ja, ich habe einen Job. Ich habe Freunde. Und Beziehungen. Ich habe ein erfülltes Leben, das sich auch immer mehr so anfühlt. Das haben viele nicht. Und ich hätte es auch nicht. Wenn meine Kindheit nicht so gut gewesen wär. Und mir so viel mitgegeben hätte. Trotz aller Unperfektheiten. Und meiner unperfekten Eltern. Die eben auch nur Menschen sind. Und die Kinder ihrer Eltern.

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7 Gedanken zu “Die Vergangenheit ändert sich, ständig.

  1. Hallo nina,

    ich habe auch die erfahrung gemacht, dass zu viel analysieren einiges auch kaputt machen kann. Hier bei uns wird darauf nicht allzu viel wert gelegt. Man spricht auch vom „kaputtanalysieren“. Um ganz bestimmte thematiken zu sehen und verstehen zu lernen, kann man sich auch der astrologie oder der familienaufstelung widmen. Hat eventuell einen nachhaltigeren wert. Aber auch hier ist vorsicht geboten, man muss auch bereit sein und damit meine ich nicht nur den kopf, der vieles verstehen möchte. Unsere eltern habe auch ihr päckchen zu tragen, sind so wie sie sind auch geformt worden. Es ist ja nicht alles in den genen, aber auch. Und jeder mensch ist anders sensibel, heisst, was für den einen ein trauma ist, muss für den anderen rein gar nichts bedeuten. So sind wir alle unterschiedlich, jeder für sich und das ist gut so. Es wird erst zum problem, wenn man versucht zu pauschalisieren und das machen öffentliche meinungen gerne mal. Ein verantwortungsvolles gegenüber wird dich immer so annehmen und dir zuhören und verstehen, wie du wirklich bist, allein das kann schon helfen, so jemanden gefunden zu haben…

    Lg

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  2. Deine Ex-Therapeutin gehört die Linzenz entzogen. Das ist ja unglaublich…gerade Borderline-Patienten sind senibel in Bezug auf Zurückweisung…

    Ich hoffe, dass du so ein verantwortungsvolles Gegenüber wie du beschrieben hast gefunden hast! Mein nahes Umfeld versucht mich immer zu verstehen auch wenn ich eine destruktive Phase habe, sie sagen ich bin ein Gesamtpaket und habe so viele liebenswerte Züge, und der Borderlineteil macht mich nicht weniger liebenswert nur halt „wilder“ 😉

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    1. Danke. Vielleicht liest die Dame dies mal eines Tages. Meine jetztige Therapeutin ist zum Glück sehr zugewandt, empathisch und mitfühlend. Und mein soziales Umfeld auch.
      Erst durch meine Freunde ist mir klar geworden, dass auch ich liebenswert bin. Denn wenn so wunderbare Menschen mich aufrichtig gern haben, kann ich gar nicht so verkehrt sein.
      Und, schwups, einen Glaubenssatz ausgehebelt. Ach, über die wollte ich sowieso mal etwas schreiben. 😉

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      1. Ich wurde am Montag aus meiner Therapie geschmissen. Meine Therapeutin sagt, dass es nichts mit mir zu tun hat sondern mit ihren persoenlichen Grenzen. Hab ich sie an ihre Grenzen gebracht? Dann hat es also doch mit mir zu tun? Ist auf jeden Fall ne harte Woche fuer mich. Da mach ich nach Jahren das erste Mal den Mund auf und sag wo der Schuh drueckt und dann bring ich eine professionelle Therapeutin an ihre persoenlichen Grenzen??!! Da muss echt was voellig krank sein in meinem Kopf.

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      2. Nein. Wenn Deine Therapeutin überfordert ist, hat das nichts damit zu tun, dass Du nicht in Ordnung bist. Das sagt was über sie aus und nicht über Dich. Eine verantwortungsvolle Therapeutin sollte Dir auch Anschlussmöglichkeiten aufzeigen. Und Dich nicht einfach ohne Pespektive aus der Therapie entlassen. Ich hoffe, Du findest eine neue Therapeutin, die ihrem Job auch gewachsen ist. Alles Gute für Dich, Nina.

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