Strukturelle Individualität

Ich weiß nicht mehr, ob mich die Diagnose überrascht hat. Ich machte schon zwei Jahre Psychoanalyse. Heißt, ich lag wöchentlich auf einer Couch. Hinter mir eine unemotionale Person weiblichen Geschlechts sitzend. Als ein neuer Antrag zur Verlängerung anstand, wollte ich mal wissen, was darin steht. Ich fragte. Und sie antwortete: Borderline.

Ich weiß nicht, ob mich die Diagnose überrascht hat. Ich las den Wikipedia-Eintrag. Und was ich dann empfand, weiß ich hingegen noch genau. Die schrieben über mich.
Ich hielt mich immer für anders. Schräg. Durchgeknallt.
Aber für einen Borderliner war ich offensichtlich ganz normal. Und zudem nicht allein. Das war erleichternd. Und überaus verstörend.

Danach habe ich mich nicht wieder mit dem Krankheitsbild beschäftigt. Bis ich auf folgende Liste für Borderline-Partner stieß:

  • Ihr Partner hat Angst, verlassen zu werden
  • Ihr Partner hat Angst, alleine zu sein
  • Ihr Partner ist sehr eifersüchtig, will Sie nicht teilen. Dies geschieht jedoch nicht aus Liebe, sondern aus Angst und einem mangelnden Selbstwertgefühl.
  • Ihr Partner kann seine Impulsivität nicht kontrollieren
  • Ihr Partner will seine Triebe sofort befriedigen, auch sexuelle
  • Ihr Partner stellt manchmal massive Forderungen, auch unangemessene, die Sie sofort erfüllen sollen
  • Ihr Partner sucht ständig Beweise Ihrer Liebe.*

Ups. Treffer versenkt. Ich fühlte mich ertappt. Und durchschaut. Und meiner Individualität beraubt. Wenn meine Denk- und Verhaltensweisen so typisch und vorhersehbar sind, was bin dann überhaupt noch ich? Was ist das Borderline? Und was bleibt von mir übrig? Ok. Wir alle gaukeln uns vor, freien Willen und Individualität zu besitzen. Und sind nur das Produkt genetischer Disposition, Sozialisation und Umwelteinflüssen. Trotzdem. Sein eigenes Psychogramm auf Internetseiten zu lesen ist ziemlich desillusionierend.

In der Klinik sollten wir Experten unseres Krankheitsbildes werden.
Doch genau das will ich nicht. Ich will Experte meiner Selbst sein. Mir ist egal, welcher Teil von mir Borderline ist. Und ich will das auch nicht wissen. Mir reicht es zu wissen, wie ich mit mir umzugehen habe. Als Mensch mit einer herausforderungsvollen Persönlichkeitsstruktur. Und nicht als Persönlichkeitsgestörte.

*Quelle: http://www.borderline-borderliner.de/beziehung/ratgeber-partner.htm

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6 Gedanken zu “Strukturelle Individualität

  1. Huhu,

    ich kann deine Gedanken absolut nachvollziehen. Mit hat folgendes geholfen, um aus diesem Konflikt herauszukommen: ich habe für mich beschlossen, dass ich nicht Borderline(r) bin, sondern ich Borderline habe. Für mich selber erreiche ich damit, dass ich das nicht als „endgültig“ ansehe. Es ist derzeit ein Teil von mir, aber ich muss es nicht für immer haben. Denn ich bin es nicht. Außer Borderline gibt es einfach noch sooo viele Sachen, die MICH ausmachen (gut, ich sehe sie nicht unbedingt selber, aber ich habe mir sagen lassen, dass sie da sind).

    Lg

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  2. Ich finde Deine Seite sehr ansprechend. Ich selber leide nicht an BLS, leider aber meine Ehefrau. Und da Du über Angehörige schreibst, mag ich auch mal meinen Senf dazu geben. Es gibt immer Hoch- und Tiefphasen, die sind durchaus auch intensiver als in anderen Beziehungen die ich einmal hatte. Aber ich möchte klar Position beziehen, dass ein Borderliner ganz sicher kein Monster ist, wie es immer wieder in der Literatur insb. der für Angehörige dargestellt wird. Ich weiß, dass es für meine Frau ein täglicher Kampf ist, stabil zu bleiben. Aber sie kämpft diese Kämpfe und das sehr oft (zunehmend oft) mit Erfolg.
    Das Borderline eine Erkrankung darstellt und eine Persönlichkeitsstörung darstellt kann man in jedem Buch dazu hinlänglich lesen, genau wie alle möglichen (und auch unmöglichen) Verhaltenshinweise für Angehörige. Für mich ist es ein Charakterzug, der so ist, wie er ist. Wir fahren am besten damit, wenn ich ehrlich bin. Rastet sie aus, sage ich ihr, dass ich den Eindruck habe, dass ihr Boderline grade überwiegt. Wenn sie sich dann runtergeskillt hat, reden wir über das was passiert ist, reflektieren zusammen und sind füreinander da.
    Sie ist trotz oder vielleicht sogar genau wegen dem Borderline ein ganz besonderer und auch ein liebenswürdiger Mensch. Und bevor jetzt Leute loslegen mit „Warte mal ab, das dicke Ende kommt noch“: Wir hatten durchaus in 7 Jahren Beziehung schon die ein oder andere Trennung, den ein oder anderen Streit und „dicke Enden“. Wir waren aber beide immer bereit an uns und der Beziehung zu arbeiten, und deshalb funktioniert es auf seine Art eben bei uns. Und ich kann alle anderen Partner nur auffordern nicht nur das negative zu sehen, sondern das positive was ihr an eurem Partner habt.

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    1. .. leider bekommt man meist aber gar nicht erst die chance mit dem anderem an seinem „borderliner“ zu kämpfen. viel zu schnell wird man ausgetauscht und vergessen ..

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  3. Du bist keine Persönlichkeitsstörung. Du hast eine.
    Du bist eine von vielen, aber nicht genau wie alle anderen.
    Du hast Teile in dir, die nur du hast, nicht nur DNA, sondern auch Erfahrungen, Prägungen und die Umwelt.

    Und das ist das, was dich ausmacht – unabhängig von Papierdiagnosen für die Kasse.

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