Menschliche Nähe

Ich lebe jetzt mit einem Menschen zusammen. Einem recht angenehmen Menschen. Ich mag meine Mitbewohnerin. Wirklich. Sehr. Und das ist problematisch. Denn ich will, dass sie mich auch mag. Und dann fängt das borderlinern an.

Ich beginne mir Gedanken zu machen. Dauernd. Über Kleinigkeiten. Ertappe mich ihr Verhalten zu interpretieren. Sie schließt die Zimmertüren hinter sich. Sperrt sie mich aus? Nerve ich sie? Mag sie mich nicht? Und frage mich dauernd, was sie von mir denken mag. Und wie mein Verhalten auf sie wirkt. Dabei verhalte ich mich vollkommen normal. Bisher. Finde ich.

Ok. Ich habe sie über meine partielle Zwanghaftigkeit aufklären müssen. Ich habe ein System in meinen Küchenschränken. Jedes Objekt hat seinen Platz. Einen ganz genauen Platz. Als ich zwischen akkurat gestapelten Tellern in weiß plötzlich drei unterschiedlich bunte sah, musste ich erst schlucken. Nein. Das war jetzt untertrieben. In Wahrheit starrte ich minutenlang die Teller an und versuchte mir gut zuzureden. Daran kannst Du Dich gewöhnen. Daran kannst Du Dich gewöhnen. Ja. Konnte ich auch. Woran ich mich nicht gewöhnen konnte, waren die bunten Becher – jeder für sich ein Unikat – und der anerkennungswürdige Versuch sie in mein System zu integrieren. Nein. Nein. Nein. Das ging nun echt zu weit. Ich räumte ihr ein Fach frei. Und sortiere sie dort ein. Ja. Besser.

Im Bad ein ähnliches Problem. Ich versuchte die Shampoos zu ignorieren, die mittig des Badewannenrandes standen. Meine sind rechts angeordnet. Ihre müssen links stehen. Links! Wegen der Symmetrie. Das ist einfach so. Irgendwann ertrug ich es nicht mehr. Und habe sie umgestellt. Leicht angeschrägt zum Rand hin ausgerichtet. Ja. Jetzt besser.

Dabei bin ich schon dankbar. Denn ihre Seifenprodukte haben weiße, augenfällige Verpackungen. Mit Grauen denke ich an die männlichen Studenten zurück. Das Design ihrer Duschutensilien war eine optische Beleidung. Kaum zu glauben wie viel Hässlichkeit in einer Shampooflasche stecken kann. Ich hatte tatsächlich überlegt sie aufzufordern, andere Badprodukte zu erwerben. Oder sie umzufüllen. Aber das kam mir dann doch ein wenig zu gestört vor.

Nach den Aktionen meinte ich Erklärungen zu schulden. Auf das leichte Chaos in anderen Zimmerteilen deutend, konnte ich ihr glaubhaft machen, meine Zwanghaftigkeit sei auf wenige Bereiche der Wohnung und meiner Persönlichkeitsstruktur beschränkt. Was folgte war ein regelrechtes Mackenbattle. Ich meine nach Punkten gewonnen zu haben. Geschenkt. Denn jetzt weiß ich, dass ihr geschlossene Räume ein Gefühl der Geborgenheit geben. Und sie deshalb alle Türen schließt. Das kann ich sogar nachvollziehen.

Und versuche mir jetzt weniger Gedanken zu machen. Sie hat keinen Grund mich nicht zu mögen. Das weiß ich. Ich bin ein liebenswerter Mensch. Auch das weiß ich. Seit der Klinik. Selbst wenn ich in der Wohnung heimlich rauche. Und ich werde ihr nichts vom Borderline erzählen. Denn das fällt weiter gar nicht auf. Und findet außerhalb von Paarbeziehungen fast nur in meinem Kopf statt. Und es stimmt. Ich mag meine Mitbewohnerin. Sehr sogar. Und jetzt erst recht. So sehr dann aber auch nicht.

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7 Gedanken zu “Menschliche Nähe

  1. oh nina ich kenne das sooo gut mit der ordnung, der symmetrie und den farben ;D meine freundinnen wissen ja dass ich borderline habe und grinsen immer wenn sie mir mein „konstrukt“ zerstören. aber aushalten neeeee kann ich nicht.
    warst du mal mit einem borderliner liiert? würde mich interessieren ob das klappen könnte. dann könnte ich bei tinder mal meinen text in: bps sucht gleichgesinnten partner in crime ^^ ändern. ich wünsche dir ein sonniges wochenende

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  2. ahh ok, ja aber drama gibt es ja so oder so bei unsereins. haben zwei borderliner nicht ein wenig verständnis für die „zustände“ des anderen? aber naja, ich sollte dann lieber auf deinen erfahrungsschatz hören 😉

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  3. Hallole Nina, auch dieser Beitrag spricht mir aus der Seele. Wenngleich ich nicht zur Gattung der ordnungsbewussten Menschen gehöre. Mehr hat spricht dein ganzer innerer Dialog einfach Bände. »Ertappe mich ihr Verhalten zu interpretieren.« Das Interpretieren von Verhalten oder Nicht-Verhalten anderer Menschen ist eine ganz gemeine Sache. Ich erwische mich dabei auch immer wieder. Gerade bei Menschen, denen ich emotional nahe stehe. »Sie hat keinen Grund mich nicht zu mögen. Das weiß ich. Ich bin ein liebenswerter Mensch.« Darin liegt quasi der Kern. Ich gerate dann oft schnell in Zweifel, wieso weshalb warum. Nicht-Kommunikation oder auch gefühltes Desinteresse des Anderen treiben mich in den Wahnsinn. Da muss man wirklich an sich halten, arbeiten und sagen: Das hat bestimmt nichts mit mir zu tun, schließlich sind wir zwei – mehr oder weniger – erwachene Menschen, eigenständig; und permanent aufeinander hocken halten selbst beste Freunde nicht aus.

    Ich freue mich deshalb richtig für dich, dass du mit deiner Mitbewohnerin bereits so früh einen guten kommunikativen Weg gefunden hast, ohne mit der Tür ins Haus zu fallen 🙂

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  4. …das ordnungsbewusste, ja zwanghafte haben mein partner und ich auch. Doch jeder auf seine weise. Nun ist meiner immer bei mir, er darf nicht weg, ich habe verlustängste…;-( nun war er gestern nach der arbeit und dem garten ganz allein in meiner wohnung und traute, sich kaum was zu machen…er war 4h draussen und verbrannte holz, das wir von den bäumen sägten, damit ich wieder mehr licht in der wohnung habe…zum schluss, als ich wieder da war, kam der satz, er sein froh, dass ich so viel vertrauen hätte, ihm meinen gesamten schlüssel zu überreichen…das sagte ein anderer ex auch schon, sie fühlten sich allein in meiner wohnung aber nie wohl…ich kann ganz schön diktatorisch sein und alles hat seinen platz…alles….ich kenne es also, was da abgeht. eine ganz andere frage bewegt mich aber. Diese zwanghaftigkeit erinnert mich aber sehr an ein authistisches problem. Ich wurde noch nie drauf getestet. Doch es gibt im netz etliche tests auf autismus, da gibts ja auch verschiedene formen. Ich sehe mich hier auch ein wenig…dazu kommt ein sicherheitsgefühl über intellektuelles und nicht über emotionales…die emotionen überschwemmen mich und ich fühle mich unsicher…rationales und analysieren bringen mir ein gefühl von beruhigung….das erinnert mich dann wieder an dich, nina…das schreiben gehört wohl auch dazu…;-)

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  5. Ich liebe deine Blog! Irgendwie bist du wirklich ein liebenswerter Mensch – ein bisschen schräg vielleicht – aber auf jeden Fall liebenswert 🙂
    Ich hatte auch eine zeitlang eine Mitbewohnerin. Auch ich wollte, dass sie mich gern hat – ich hatte (habe) sie ja auch gern. Unser einziges Konfliktthema war die unterschiedliche Wahrnehmung von Ordnung und Sauberkeit. Sie war sicherlich kein Dreckspatz – hat aber eben lieber in der Sonne gechillt als den Herd zum Strahlen zu bringen 🙂
    Ich habe es zunächst als Herausforderung gesehen, wollte lernen fünfe auch mal grade sein zu lassen und andere Lebensweisen auch als „gut“ stehen zu lassen. Ich hab mich getäuscht .. fünfe ist nunmal nicht grade. Und ich liebe einen sauberen Küchenherd! Und das ist gut so – wo kämen wir denn da hin 🙂
    Liebe Grüße – eine die „n u r-Elemente-von-Borderline-hat“

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