Ein Klavier. Ein Klavier.

Ich habe ein Problem. Ich habe ein Klavier in meiner Wohnung. Das habe ich auch mal gespielt. Aber das ist lange her. Mit Disziplin und Ehrgeiz kann man viel erreichen. Aber nicht alles kompensieren. Talent zum Beispiel. Das habe ich irgendwann eingesehen. Und meine Eltern zum Glück auch. Seine Stärken zu kennen ist gut. Noch besser ist seine Schwächen zu akzeptieren. Und jeder, der mich singen hört, weiß, dass Musizieren zu letzterem gehört. Ebenso wie Fremdsprachen, Ballsportarten, Geduld, Teamfähigkeit, Sanftmut, Frustrationstoleranz….Die Liste ließe sich fortsetzen.

Ich habe also ein Klavier in meiner Wohnung. Und dieses Klavier wird gerade zum Problem. Denn ich brauche Platz. Platz für meine Mitbewohnerin. Die zieht nämlich bald ein. Und das Klavier muss daher ausziehen. In die Wohnung meiner Freundin. Zwei Stockwerke tiefer. Ein Klavier. Zwei Stockwerke. Die Aufgabe wird doch wohl zu lösen sein.

Ein Klaviertransport kommt nicht in Frage. Sagt der Blick auf meinen Kontostand. Daher habe ich Freunde gefragt. Alle, die groß, männlich, muskulös sind. Und muss feststellen, dass es möglich ist fünf Personen für spontanen Beischlaf zu finden. Aber nicht zwei Jungs für einen Klaviertransport. Auch nicht binnen einer Woche.

Ach, wie ich es hasse auf andere angewiesen zu sein. Aber manche Dinge kann man einfach nicht allein. Klaviere transportieren zum Beispiel. Oder? Ich dachte an die Axt in meinem Keller. Und sah es mich in Stücke hacken. Hrrrrr. Aber halt. Es ist ein Erbstück meines Vaters. Und bevor ich es zerstöre, verkaufe ich es lieber. Erinnerungen hin, Erinnerungen her. Das Klavier muss weg. Und meinem Konto würde es gut tun. Ich inserierte das Klavier. Zur Selbstabholung selbstverständlich. Anstelle von Anfragen kam die Mitteilung:

„Ihre Anzeige wurde gelöscht, da das von Ihnen angebotene Tier oder Tierpräparat zu einer geschützten Tierart gehört.“ Bitte was!? Ich tippte auf Drogenkonsum. Und schrieb zurück: „Es ist ein Klavier. Und kein Tier. Ein Klavier ist ein Musikinstrument.“

Nein, sie hatten keine Drogen genommen. Es war die Elfenbeintastatur. Dass der Elefant schon über hundert Jahre tot war, ist dem Portal egal. Auch dass mein Angebot nicht gegen deutsches Recht verstieße. Die Anzeige blieb gelöscht. Und ich habe immer noch ein Klavier in meiner Wohnung.

Ich bekam dann noch fünf Leute zusammen. Aber ohne professionelles Equipment schafften wir es auch nicht. Jetzt habe ich immer noch ein Klavier in meiner Wohnung. Und noch immer ein Problem. Und mein gesamter Hass bündelte sich in diesem Tasteninstrument. Ich dachte wieder an die Axt. Sah es mich die Treppe runterstoßen. Oder vom Dach werfen. Schon des Geräusches wegen. Aber da kriege ich es nicht rauf. Ebenso wenig aus dem Fenster. Verdammt. Und lese schon die Schlagzeile: „Frau entzündet Klavier in Wohnzimmer: „Ich wusste keinen Ausweg.““

Frustrationstoleranz, Geduld, Sanftmut. Ja, es ist gut seine Schwächen zu kennen. Noch besser ist sich auf seine Stärken zu besinnen. Und Problemlösungskompetenz gehört eigentlich dazu. Wenn die Anspannung nicht im tiefroten Bereich ist. Also ruhig bleiben. Runterkommen. Nachdenken. Mir wird schon was einfallen. Und der erste Schritt ist zu erkennen, dass genug Platz für alle ist: Mitbewohnerin, Klavier und mich. Wenigstens vorübergehend. Wenn wir alle ein Stück zusammenrücken. Damit ist schon Zeit gewonnen. Zeit für mich, das Klavier und kreative Lösungsansätze. Sonst bleibt mir immer noch die Axt. Und aus der Schwäche eine Stärke zu machen.

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4 Gedanken zu “Ein Klavier. Ein Klavier.

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