Chaos und Struktur

In der Klinik wurde mir gesagt, dass ich eine Persönlichkeitsstörung des impulsiven und zwanghaften Typs habe. Das überraschte mich nicht. Sondern erklärte vieles.

Impulsiv zu sein, bedeutet: Emotional, sprunghaft, gefühlsgetrieben und unkontrolliert. 
Zwanghaft zu sein, heißt: Geordnet, überstrukturiert, kontrolliert und planvoll.

Man braucht nicht viel Phantasie um sich vorzustellen, was es heißt beide Persönlichkeiten in einem Körper zusammengesperrt zu haben.

So halte ich mich für einen logisch-rationalen Menschen. Ich bin durchaus in der Lage überaus vernünftige Entscheidungen zu treffen. Oder gesund-erwachsen, wie meine Therapeutin sagen würde. Nur halte ich mich nie lange daran. Ich hab dann nämlich so Gefühle. Und die äußern sich höchst eruptiv. Gelegentlich. Mangelnde Impulskontrolle nennt sich das. Und dann konterkariere ich alles, was ich zuvor ach-so-vernünftig entschieden habe. Vorzugsweise gute Vorsätze und Arbeitspläne. Am ehesten aber wohlüberlegte Trennungen. Und das macht alles furchtbar kompliziert. Und meistens auch unschön. Ich kann mich nicht vernünftig trennen. Es endet immer im Chaos. Erst recht, wenn mehr als zwei Personen involviert sind.

Und so läuft es immer: Ich gebe mir Struktur. Viel Struktur. Und durchbreche sie. Ein ewiges Chaotisieren und Aufräumen. Immer wieder. Und wieder von vorn. Aber es hat auch Vorteile. Ich habe immer einen Plan. Meistens sogar mehrere. Für alle Eventualitäten. Aber ich muss mich nicht dran halten. Sondern entscheide situativ und stimmungsabhängig. Ja, überstrukturiert zu sein, kann das Leben einfach machen. Aber auch nicht immer. Zum Beispiel, wenn man ewig braucht um Wäsche aufzuhängen. Weil die Teile nach einem bestimmten System angeordnet werden müssen. Und auch die Wäscheklammern einem Muster zu folgen haben. In Farbe UND in Form. Und farblich zu den Kleidungsstücken passend. Natürlich. Aber ich habe mich ausgetrickst. Und einheitlich einfarbige Wäscheklammern gekauft. Zudem ist es hilfreich ausschließlich schwarz zu tragen. Aus Überzeugung. Versteht sich.

So haben beide Anteile ihren Wert und Daseinsberechtigung. Und hätte ich nur eine Seite – Emo oder Spießer – wäre es kaum auszuhalten. Und ich in meinem Leben sicher nicht so weit gekommen. Aber es erfordert konstante Höchstleistung des inneren Kindergärtners, die Widerstreiter in Einklang zu bringen. Und manchmal ist er einfach müde. Und erschöpft. Und hätte gern `ne Auszeit. Aber ich kann keinen Urlaub von mir selbst nehmen. Ich habe das vierundzwanzig-sieben Komplettprogramm gebucht. Aber was ich auch habe, ist die Hoffnung. Die Hoffnung, dass aus den Kontrahenten noch ein eingespieltes Team wird. Und aus der chaotischen Struktur ein strukturiertes Chaos.

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35 Gedanken zu “Chaos und Struktur

  1. Wow. Du sprichst mir so aus der Seele. Es ist schön, nein geradezu erleichternd, dass es tatsächlich ’normal‘ ist, wie ich mich oft fühle und verhalte. Mir fehlt nur leider immernoch der Mittelweg zwischen diesen ganzen Reizen, die ich Tag für Tag über mich ergehen lassen muss.

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  2. Kenne ich auch gut und nicht nur von mir, ich ziehe leute an, die ähnlich ticken und dann gehen wir uns mächtig auf den geist, ist anstrengend ständig nen spiegel vor der nase zu haben…grien und heul

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  3. gerade bin ich dir mal wieder dankbar. du baust auf und ich habe endlich mal wieder „ein klavier ein klavier“ von loriot angeschaut. humor ist immer gut und diese kunst beherrschst???befrauschst??? du sehr gut. MEHR NUTHOUSE!!!!! grüße von der chaos-oma 🙂

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      1. hoffentlich war das fenster nicht die lösung…ich freu mich schon auf die fortsetzung. und die innereien waren nicht die sehnen einer ausgestorbenen tierart oder gar die des torwarts von bern. stichwort katastrohenoptimierung

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    1. glaube schon, ich konnte das. allerdings musste ich mich registrieren, um kommentare schreiben zu können. da achte darauf, daß du die „gratis“ option bei WordPress.com anklickst. schönen sonntag noch!

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  4. Ich verwende beim Wäsche aufhängen erst die gelben Klammern, dann die blauen… Jetzt nur gelbe& blaue Klamotten ist mir zu „langweilig“….
    Wobei mir gerade die Idee kommt ich könnte ja Wäscheklammern kaufen und dann Klamotten oder umgekehrt…
    Hm darüber meditiere ich mal ne Runde..

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  5. hab mir deinen Blog lange und konzentriert durchgelesen…soweit mir das immer möglich ist 😉 Es ist schon erstaunlich in wie vielen Punkten und Situationen wir Bordis doch völlig gleich aggieren 😀 Dein Schreibstil, eigentlich deine ganze Art gefallen mir wirklich sehr gut! Und ich konnte mir ein paar deiner „Erfahrungen“ zu den meinen hinzufügen. Danke erst mal dafür! Es ist immer erfrischend von dir zu lesen! Oh ja Wäsche machen….hmpf…oder Abwasch…wehe es läuft nicht so wie ich das „geplant“ habe: Vorwürfe…Wut…und dann: ach scheiß druff 😀 wieder liegen geblieben…1 Tag…2 Tage… Aber ich bekomm das auch noch hin! Richtig hineinversetzen kann ich mich in den Beitrag: „Ich mag Menschen! Ich mag sie wirklich….“ Wie oft habe ich den ganzen Tag vor dem PC verbracht und habe Kommentare gelesen, Posts beeurteilt und kommentiert 😀 und alles aus sicherer Distanz! Jaaa nicht zuuu weit an einen heranlassen….lach…früher wäre ich vor „Scham“ im Boden versunken…doch dank Menschen wie dir habe ich gelernt mich nicht mehr zu verstecken! Mach weiter so! Toller Blog! (y)…werde weiterhin neugierig dein „Leben“ verfolgen 😀 LG Bianca

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    1. Hallo Julia,
      erstmal danke für das Kompliment! Gerade neulich haben wir uns kurz in einem Thread über das Thema, aber eher oberflächlich, ausgetauscht: https://cuckoosnestdiariesberlin.wordpress.com/2016/11/02/bestaetigung/#comments
      Ich habe mich selbst damit nicht eingehender beschäftigt. Ich kann mir aber vorstellen, dass die Unterschiede zu Borderline schon recht deutlich sind. Auch wenn viele Borderliner hochsensibel sind.
      Liebe Grüße
      Nina

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  6. Huhu – ich nochmal 🙂

    Meine Kommentare bitte nicht falsch verstehen, ich möchte niemanden in die Schublade „Hochsensibilität“ stecken. Ich würde nur gerne den Unterschied verstehen vom Verhalten eines Hochsensiblen zum Verhalten eines Borderliners. Beides ist – so ist mein Gefühl – für sich alleine schon schwer zu beschreiben…

    Also – meine Kommentare nicht zu ernst nehmen.

    Alles Gute dir,
    Julia

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    1. Alles ok. Ich habe Dich, glaube ich, nicht falsch verstanden. Ich weiß halt nur wie es ist eine emotional-instabile Pesönlichkeit zu haben. Und da ich mich mit Hochsensibilität zu wenig auskenne, kann ich mich dazu hier auch nicht seriös zu den Unterschieden äußern. Ich könnte mir vorstellen, dass Hochsensiblen einige Herausforderungen des BPS erspart sind. Wünschen würde ich es Euch.

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      1. Ich bin gerade wahnsinnig im Abgabestress, daher etwas kurz angebunden, verzeih.
        Drei Herausforderung:
        1. Selbstabwertung
        2. Einsamkeit / Leere
        3. Hochanspannung in Kombination mit extremen Gefühlen von Wut, Trauer und Verzweiflung

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      2. Das ist reine Definitionssache. Bei BPS hat man auch verschiedene Symptome zusammengepackt und daraus einen ICD-10 Schlüssel gebastelt. 😉
        Was als (psychische) Krankheit definiert wird, ist kein Naturgesetz. Sondern wird festgelegt. Und ändert sich.

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      3. Genau das ist der Unterschied zur Hochsensibilität. Man ist entweder hochsensibel oder normalsensibel – das ist eine Charaktereigenschaft, so wie wenn man Links- oder Rechtshänder ist, oder braune oder blonde Haare hat… Hochsensibilität ist vererbbar und kann nicht wegtherapiert werden. Man ist sein Leben lang hochsensibel.
        Genau das ist der Unterschied zur BPS.

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      1. Das Thema steht noch ganz am Anfang. Vor kurzem hat die erste Fachklinik in Deutschland angekündigt, das Konstrukt der Hochsensibilität in ihrer Behandlungsstrategie mitaufzunehmen und so hochsensible Patienten in ihrer Gesundung effektiver zu unterstützen:
        https://hochsensibel1753.wordpress.com/2016/11/01/symposium-hochsensibilitaet-in-bad-kissingen-parkklinik-heiligenfeld/

        Sehr, sehr viele Ärzte und Psychotherapeuten usw. wissen einfach noch nicht oder zu ungenau bescheid… Leider!

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