Selbstgänger

Nein, entspannt und ausgeglichen zu sein, ist kein Selbstgänger. Wahrscheinlich für niemanden. Und erst recht nicht für Menschen wie mich.

Ein paar Tage nicht aufgepasst – schwups – stehe ich wieder am Rande dessen, wo ich vor der Klinik war. Mich von äußeren Stressfaktoren nicht abgrenzen zu können. Sondern sie an mich ranzulassen. So weit, dass sie zum Teil meiner Selbst werden. Und mich mit ihnen runterziehen. Nein. Da wollte ich niemals wieder enden.

Ich kann nicht weitermachen wie bisher. Und wie ein Bulldozer durch mein Leben fahren. Nicht wenn man erkannt hat, eine wacklige Jolle zu sein. Die bei jedem Sturm wieder kentern kann. Ich bin keine Kampfeinheit, nicht die GSG9. Sondern die Säuglingsstation auf Betriebsausflug.

Also: Runterschalten. Innehalten. Mir täglich Zeit nehmen zu fragen, wie es mir geht. Das mag lästig sein und nervig. Aber eben notwendig. Ich kann nicht weitermachen wie bisher. Nicht ohne an dem Punkt zu stehen, an dem ich niemals wieder enden wollte.

Und ich muss erneut einsehen: Auf mich Aufzupassen wird eine lebenslange Aufgabe sein. Und wohl niemals ein Selbstgänger.

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8 Gedanken zu “Selbstgänger

  1. Vielleicht kann ich Dich ein wenig beruhigen – doch, es kann eines Tages zum Selbstläufer werden, das auf-sich-aufpassen. Es geht. Nach einiger Zeit des Kämpfens und Arbeitens und aktiv auf sich aufpassen (und des Scheiterns und Fluchens und wieder und wieder neu Anfangens und Weitermachens) ist es trotz der Diagnose, trotz der Schwierigkeiten mit sich selbst irgendwann Gewohnheit, Normalität, Automatismus. Ich will Dir nichts vorlügen, der Weg ist definitiv nicht einfach – aber es wird leichter. Besser. Weniger anstrengend, mehr „normal“.

    Und es lohnt sich, sich bis dahin durchzukämpfen.

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  2. „Ich bin keine Kampfeinheit, nicht die GSG9. Sondern die Säuglingsstation auf Betriebsausflug.“

    –> DAS ist die beste Beschreibung über diesen Gemütszustand, die ich seit langer Zeit gehört habe!
    Genau so ist es bei mir! Nur die Akzeptanz dessen fehlt bei mir noch!

    Vielen Dank dir, dass du genau das ausdrücken kannst was ich (und bestimmt viele andere auch) fühlen!!

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  3. Du sprichst mir aus tiefster Seele. Der Vergleich zwischen GSG9 und der Säuglingsstation war der Auslöser für meinen Kommentar. Bis ich einen Kommentar schreibe, muss schon einiges passen.
    Ich finde mich in dieser Aussage wieder. Obwohl – sind Menschen wie Du und ich (ich formuliere das einfach mal so) für uns selber nicht doch Helden? Wir geben nicht auf, sondern stellen uns jeden Tag aufs Neue den Abgründen unserer Selbst. Immer mit dem Gedanken: “ warum kann ich nicht ein ganz normales Leben führen – wie alle anderen?“
    Und doch nehmen wir den Kampf wieder auf und versuchen das Beste daraus zu machen. Mit zunehmendem Alter und der Erkenntnis, dass der Punkt an dem auf einmal alles wieder “ gut“ sein wird wohl nie kommen wird, finde ich es aber auch interessant
    “ anders“ zu sein.
    Normal kann doch jeder 😉
    Ich wünsche Dir Schutz vor deinen Dämonen und viele , viele wunderbare Stunden, Tage und Jahre.
    Eigentlich wollte ich gar nicht so viel schreiben. Ist mir so rausgerutscht 🙂

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  4. Alleine schon die Situation zu erkennen und bewusst runterschalten zu können ist ein riesiger Fortschritt. Ich habe selber lange dafür gebraucht. Aber je öfter desto routinierter legt man eines Tages den richtigen Gang ein… hoffe ich.

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  5. Auf sich selbst aufpassen trifft es wirklich ganz gut. Manchmal »beauftrage« ich gute, enge Freunde, wenn ich merke, ich selbst kann das nicht mehr. Mittlerweile klappt es jedoch immer besser. Nicht gut, aber immerhin besser.

    Du bist an einem wichtigen Punkt – die gute Nachricht: Du hast es selbst erkannt. Stressfaktoren orten und minimieren. Auch das klingt leider leichter als es umzusetzen ist. Mich nervte es nach meiner Therapie auch, jeden Tag achtsam zu sein – sowohl äußerlich als auch innerlich. Als ich es irgendwann ignorierte, ließ die Rechnung nicht sehr lange auf sich warten. Heute sind die Abstände etwas größer, in denen es bergab und auch wieder bergauf geht. Übung macht den Meister. Erwachsen werden erweist sich als sehr schwierig.

    Ja, es ist eine lebenslange Aufgabe, die jedoch mit der Zeit immer einfacher bzw. routinierter zu bewältigen ist.

    Tschakka, du schaffst es! 🙂

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