Rettung

Auf der letzten Seite des ZEITMagazins gibt es eine Interviewreihe: Das war meine Rettung. Dort werden Personen des öffentlichen Lebens befragt. Das ist je nach Person mal mehr, mal weniger interessant. Und der Bezug zum Thema mal mehr, mal weniger konstruiert. Aber ich bin nicht das Feuilleton. Und das ist keine Literaturkritik.

Wenn sie mich gefragt hätten: Meine Rettung war das Laufen. Und bitte nicht falsch verstehen. Ich bin kein Sportfanatiker. Ich hasse Funktionskleidung. Und Sportereignisse. Kleidung hat nicht funktional zu sein. Kleidung hat gut auszusehen. Und mit Sport halte ich es wie mit dem Sex. Nicht gucken, sondern machen.

Dabei habe ich Sport immer gehasst. Traumatische Erfahrungen der Schulzeit verfolgen mich bis heute. Mit Laufen habe ich trotzdem angefangen. Als ich das erste Mal zu rauchen aufhörte. Aus Angst vor Gewichtszunahme. Und um meine Aggressionen abzubauen. Das ist zehn Jahre her. Mit Rauchen hab ich lange wieder angefangen. Weitergelaufen bin ich trotzdem. Egal was passiert ist. Egal wie viel ich geraucht, gefeiert, konsumiert habe. Ich ging laufen. Das war mein Halt und Korrektiv. Man spürt direkt, was man sich antut. Die körperlichen Folgen. Unmittelbar. Und seine Grenzen. Nicht immer. Zugegeben. Nach durchzechter Nacht fünfzehn Kilometer laufen zu können, kann einen glauben machen, man sei unkaputtbar. Ist man aber nicht. Wie mir dann gezeigt wurde. Doppelte Bursitis durch chronische Belastung. Das bringt einen auf den Boden der Tatsachen zurück. Und in meinem Fall direkt in die Psychiatrie.

Denn Laufen hielt mich nicht nur vom unbegrenzten Konsum zurück. Laufen war mein Mittel zur Anspannungsregulation, als ich noch keine Skills hatte. Meine Achtsamkeitsübung, als ich diese noch nicht kannte. Mein mentaler Leerlauf. Eine Stunde. Ohne Telefon. Ohne Medien. Ohne Ablenkung. Mein Weg zur Stabilisierung des Selbstwertes. Zur Stärkung gegen Angriffe von außen, aber mehr noch von mir selbst. Mein Schutz gegen die Stimme, die mir sagt, ich sei dumm. Und fett. Und hässlich. Mein Gegenmittel zur Selbstabwertung. Als ich es noch brauchte.

Rückblickend bin ich der Verletzung dankbar. Dankbar drei Monate meines Skills beraubt zu sein. Denn sonst hätte ich ewig so weitergemacht. Und irgendwie hätte ich es hingekriegt. Aber halt nur irgendwie. Und nur irgendwie zu leben, sollte nicht der Anspruch sein.

Von daher muss ich mich korrigieren: Nicht das Laufen war die Rettung. Sondern dessen zeitweiliger Verlust.

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4 Gedanken zu “Rettung

      1. Nun, mir ging es eher darum, dass ich durch Deine Worte zu verstehen meine, was bei meinem Gegenüber innerlich tobte. Und welch zusätzlichen unerträglichen Druck ich wohl ausgeübt habe, mit Worten wie: „Ich versteh Dein Verhalten nicht, es ist unlogisch.“ oder „Deine extreme Reaktion ist nicht adäquat zur vorgefallenen Situation.“ usw.
        Aber nun ist es leider zu spät – die Beziehung hat eine erneute Attacke der verbalen Aggression nicht überlebt. Ich konnte nicht mehr. nach vielen Neuversuchen und – wie ich nun weiß – ehrlich gemeinten Entschuldigungen.

        Fraglich natürlich auch, ob mein Gegenüber hätte annehmen können, was hier steht. Denn jeglicher zarte Versuch von „es gibt ein Problem, vielleicht sollten wir jemanden aufsuchen“ mit Worten wie „brauche ich nicht, will ich nicht, ist nix für mich, bist doch selbst irre“ endete…

        Lange Rede, kurzer Sinn: Danke für Deine Offenheit. Sie hilft!

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