Subkultur

Sprache ist lebendig. Sprache dient nicht nur der Kommunikation. Sprache ist ein Mittel zur Distinktion. Subkulturen bilden ihre eigene Sprache heraus. Zur Vergewisserung des inneren Zusammenhalts, der Gruppenzugehörigkeit und zur Abgrenzung nach außen.

Die Klinik ist ein gesellschaftliches Subsystem. Räumlich abgegrenzt. Mit eigenen Regeln und Gesetzen. Die Schnittstellen zur Gesellschaft reglementiert und kontrolliert. So wird es niemand` überraschen, dass wir unsere eigene Sprache ausgebildet haben. Als Zeichen unseres Zusammenhalts, der Zugehörigkeit und zur Abgrenzung nach außen. Hier ein paar Beispiele:

Na, wie ist die Anspannung?“ – „Wie geht’s? Oder: „Bist Du gestresst?“

Ey, skill mal!“ – „Beruhige Dich.“, „Krieg Dich wieder ein.“ Oder „Reg Dich nicht so auf.“

Das gibt ne VA*!“ – „Das gibt Ärger!“

Nimm’s als Übungssituation.“ – „Dumm gelaufen. Schau, was Du draus lernen kannst.“

Radikale Akzeptanz!“ – „Nimm’s so hin. Du kannst es nicht ändern.“

Besonders letzteres erfreute sich großer Beliebtheit: Den Bus knapp verpasst? Radikale Akzeptanz! Dir fällt Dein Brötchen runter? Natürlich auf die Marmeladenseite? Radikale Akzeptanz! Mal wieder Schlange stehen an der langsamsten Supermarktkasse? Nicht aufregen. Radikale Akzeptanz!

Hier muss man wohl dazu sagen, dass vorgenannte Ereignisse ausreichen können, um einen durchschnittlichen Borderliner in Hochanspannung zu versetzen. Erst recht, wenn er grad ‘nen schlechten Tag hat. Team und Therapeuten sahen das kritisch. Der Alltagsgebrauch würde zu Abnutzung des Skills führen. Aber uns hat’s geholfen. Und im Gegenteil! Ich würde die Verwebung der Therapieinhalte in den alltäglichen Sprachgebrauch als positives Zeichen ihrer nachhaltigen Internalisierung werten.

Nun habe ich das Subsystem verlassen. Und auch meine Mitstreiter sind sukzessive ausgezogen. Ob unsere Sprache überdauern und von Patientengeneration zu Patientengeneration weitergegeben wird, ist fraglich. So denke ich mit einem Anflug von Melancholie an unsere kleine Subkultur zurück. In der es ausreichte, wenn man breit grinsend über den Flur ging, auf fragende Blicke nur „54“ zu sagen. Angenehme Aktivität Nr. 54.

*Verhaltensanalyse

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7 Gedanken zu “Subkultur

    1. Beim Biofeedback werden mit Sensoren am Körper, Atmung und Anspannungslevel in verschiedenen Situationen gemessen. Das gabs als Gruppen- und Einzeltherapie. Wie ist die Grundanspannung und Atmung in Ruhephasen und wie in fingierten Stresssituationen. Normalerweise atmet der Mensch 12-15 mal pro Minute im Ruhezustand. Hier wurde dann trainiert – um sich runterbringen zu können – mit 6-8 Atemzügen oder noch weniger – entspannt ohne nach Luft zu japsen – klarzukommen. Bei mir war die Grundanspannung recht hoch, aber dafür wenig Atemzüge nötig. Paradoxerweise war ich in Stresssituationen bzw spontanen Prüfungssituationen manchmal ruhiger als in der Ruhephase. Kurz um: Der Körper gibt Dir quasi Feedback.

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  1. Nur mal theoretisch. Was wäre, wenn?
    Was wäre, wenn man die Gedanken und Gefühle der anderen spüren könnte? Manche mehr, manche weniger. Z.B. wenn jemand etwas will, was ich eigentlich nicht. Und dann spürt man den Druck, man fühlt sich unwohl, hat vielleicht auch ein schlechtes Gewissen, kann nicht klar denken, weil man das nicht getan hat oder nicht tun will. Und es kommt immer wieder in die Gedanken. Die andere Person, und was der andere von uns will. Irgendwie verpackt. Aber meistens ist man sich ja nicht im Klaren darüber, dass das eigentlich nicht die eigenen Gefühle und Gedanken sind. Entweder gibt man nach einer Weile nach, oder man wird trotzig und tut es erst recht nicht. Oder man wird aggressiv oder verunsichert oder deprimiert, weil man nicht einordnen kann, woher diese Gefühle kommen und was man mit ihnen anfangen sollte. Klassisch ist das auch schon hier erwähnte Thema, mit dem telefonieren. Es wird von einem erwartet. Schrecklich.
    Was wäre, wenn es mehrere Strategien gäbe, wie man seinen Willen anderen aufzwingen könnte? Der andere soll sich schlecht fühlen, weil er nicht das macht, was ich möchte. Dazu gibt es viele Möglichkeiten. Eigentlich geht es genauso, wie mit Worten, nur das Ganze in den Gedanken abgespielt. Und in den Gedanken ist man ja auch mutiger, denkt auch sowas, was man (hoffentlich) nie sagen oder tun würde. Und diese Gedanken können sich auch im Kreis drehen, die Person kann sich reinsteigern, dadurch wird es noch intensiver. Wut, Selbstmitleid, die Schuld der Außenwelt geben, Verzweiflung, Selbstherrlichkeit, Besserwisserei. Und wenn die Zielperson Sensibel ist, dann kann sie das Fühlen. Theoretisch.
    Meistens haben beide Seiten keine Ahnung davon, was abläuft. Das sind ja nur Gedanken, nichts Konkretes, fast gibt es sie gar nicht. Was sind schon Gedanken?
    Was wäre aber, wenn Gedanken eine sehr große Wirkung auf andere haben würden?
    Nur wenn man denkt, das kommt alles aus mir, dann kann man schon verzweifeln.
    Was wäre, wenn die „normalen” Menschen einfach nur ihre Sensibilität verloren hätten? In dieser rennenden Zeit, wo viele kaum noch die Möglichkeit und Lust haben, sich mit solchen Sachen zu beschäftigen. Oder es fällt ihnen gar nicht ein, man wurde ja nicht so erzogen, nicht zu Hause und in der Schule erst längst nicht.
    Idealerweise haben wir gelernt, wie man respektvoll mit anderen umgeht. Aber wem haben die Eltern (oder irgendjemand) erklärt, dass man auch seine Gedanken und Gefühle im Zaum halten sollte, dass ein respektvolles an den anderen Denken genauso wichtig ist? Dass man jedem die Freiheit lassen sollte, sich selbst zu entscheiden. Ich kann meine Wünsche äußern, aber sollte dann nicht weiter druck machen, wenn der Andere die Sache nicht will. Natürlich ist es auch vorteilhaft, wenn man sich ausdrücken kann und sagen kann, wenn man etwas nicht will. Auch oft ein Problem. Es gibt aber auch Situationen, wo man das nicht so leicht kann. Z.B. gegenüber Vorgesetzten. Oder auch der Mama: ich möchte nicht, dass du mich kontrollierst, dass du mich (so oft) anrufst, dass du Erwartungen hast (am Sonntag, spätestens um 15:00 Uhr hast du dich zu melden, sonst werde ich traurig, bekomme Angst oder was auch immer), dass du mir schlechtes Gewissen machst, usw. Und wenn diese Gedanken lange Zeit nicht ausgesprochen werden, vielleicht sogar Tabus sind, dann ist das nun mal unter den Teppich gekehrt. Und wie viele solche Themen haben wir meistens…!
    Und die haben ihre Wirkung. Man weiß dann vielleicht gar nicht, warum man sich gerade so fühlt.
    Natürlich ist es schwer zu akzeptieren, wenn mein Umfeld nicht so will, wie ich. Muss ich aber deswegen schlecht über sie denken? Ist es nicht auch für mich besser, wenn ich sagen kann, gut, das klappt jetzt nicht, vielleicht ein anderes Mal, oder mit anderen Menschen, oder anderswie? Oder ich überdenke meine Wünsche. Sind es gute Wünsche, wenn es dadurch anderen nicht so gut geht?
    Liebe kann man auch spüren. Wenn jemand dich einfach nur mag, ohne Gegenleistungen zu erwarten. Nur so, weil es gut ist.
    Theorie.
    Und nein, ich war mit meinem Problem noch nicht beim Arzt. Und habe es auch nicht vor zu tun.

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  2. Ich musste grade wirklich herzhaft lachen. Nicht nur bei euch haben sich genau diese Floskeln durchgesetzt, auch in der Klinik in der ich war sind GENAU diese (während der DBT) entstanden. Herrlich! 😀

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