Casting

Meine latente Sozialphobie stellt mich aktuell vor eine ganz besondere Herausforderung: Ich suche einen Mitbewohner. Schwierig, wenn man nur Personen in seinem sozialen Nahraum erträgt, mit denen man auch das Bett teilt.

Daher habe ich nach jemanden gesucht, der am besten gar nicht da ist: Voll berufstätig, Wochenendpendler. Bloß niemanden aus dieser Stadt. Der Freunde mit nach Hause bringt. Und, ja: Es ist eine Zweck-WG. Habe ich auch angekreuzt. Ganz deutlich. Ich suche keine Ersatzfamilie. Und auch keinen neuen besten Freund. Meine Familie reicht mir schon. Und Freunde hab‘ ich ebenfalls. Ich suche einfach jemanden, der die Hälfte meiner Miete zahlt und, dessen Anwesenheit mich möglichst wenig stört. Idealerweise sogar angenehm finde.

Trotz dieser klaren Formulierung kamen erste Anfragen. Man bekommt Mails mit detaillierten Selbstbeschreibungen, die weit über das hinausgehen, was ich von fremden Menschen wissen möchte: Lebenslauf, Hobbies, musikalische und kulinarische Vorlieben, Koch- und Backfertigkeiten, Ausgehverhalten. Nur zu Paarungsritualen stand da nichts. Zum Glück. Beliebteste Formulierung: „Gern abends beim Bier (wahlweise Wein) zusammen zu sitzen, aber auch mal Zeit für sich zu brauchen.“ Quasi das „selbstständige Arbeiten bei hoher Teamfähigkeit“ jedes Bewerbungsanschreibens. Und man weiß, was davon zu halten ist.

Doch ich hatte mir vorgenommen auf alle Anfragen zu antworten. Egal wie unpassend das Profil war. Nach meiner letzten Erfahrung der digitalen Kommunikationskultur wollte ich mit gutem Beispiel vorangehen. So schrieb ich Absagen. Viele Absagen. Zwei habe ich dann doch eingeladen. Aber wie es so ist: Die die man will, entscheiden sich anders. Und die, die wollen, will man nicht.

Vielleicht sollte ich beim nächsten Mal gleich eine Nachbesetzung für mein Schlafzimmer suchen. Das Procedere scheint mir nicht unähnlich. Verkrampfte Lernen-wir-uns-kennen-Gespräche inklusive. Nur habe ich meine Partner bisher nie rational gewählt. Geschweige denn vernünftig. In die laufe ich einfach rein. Willentlich blindlings. Soziale Kollateralschäden vorprogrammiert. Also Zeit für einen Strategiewechsel. Ein passender Kerl kann nicht schwieriger zu finden sein als ein unsichtbarer Mitbewohner.

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3 Gedanken zu “Casting

  1. Schön, meine Mitbewohnerin ist auch instabil. Ich bin Narzisst auf dem Weg der Besserung (so es diesen Weg gibt. Ich glaube, es gibt ihn).
    Ihr Blog bewirkt schon jetzt mehr Verständnis ihr gegenüber. Denk ich. Vielleicht liegts auch daran, dass sie gerade im Urlaub ist 😉 Auf jeden Fall hab ich Sie zu meiner Leseliste hinzugefügt. Das ist auch Premiere.

    Ich freu mich auf weitere Beiträge.

    Guts Nächtle!

    Gefällt mir

  2. Liebe Nina,
    wie erfrischend doch dein Blog ist. Ich wurde vor 12 Jahren mit BPS diagnostiziert und kann dich wirklich so gut verstehen. Herrlich witzig dein Schreibstil, obwohl es oftmals in der Realität nicht immer so witzig ist, aber durch deinen Blog geht’s mir richtig gut 🙂 ich schmunzle viel und frage mich tatsächlich, ob ich nicht mal andere mit BPS kennenlernen sollte. Da gäbe es doch bestimmt die eine oder andere Situation, in der man dann gemeinsam lachen und verzweifeln kann 😉

    Liebe Grüße aus Berlin!

    Gefällt 1 Person

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