Komorbidität

Ich schrieb bereits, dass Borderline mit hoher Komorbidität einhergeht. Essstörungen, Depressionen, ADHS, Angststörungen, Hypersexualität und Suchtmittelmissbrauch. Um nur einige zu nennen. Doch eins fehlt in allen Aufzählungen: Bruxismus. Zähneknirschen. Das tue ich. Exzessiv. Und zwar schon lange. Diverse Beißschienen habe ich nachts durchgekaut. Und meinen Zahnarzt in die Ratlosigkeit getrieben. „Können Sie Ihren Stress nicht irgendwie anders abbauen?! Yoga zum Beispiel?“ Ich zuckte schief lächelnd mit den Schultern und verschwieg die zwölf Wochen Psychiatrie. Meinen jüngsten Versuch zur nachhaltigen Anspannungsregulation.

Zum Schutz hatte er die unteren Backenzähne bereits mit Gold überzogen. Und die oberen drastisch reduzieren müssen. Durch den Druck kriegen sie Risse, Bakterien dringen ein, die Wurzel entzündet sich bis in den Kiefer. Autsch. Und weg damit. In entzündete Kiefer durch entzündete Wurzelkanäle zu bohren, scheint auch für meinem Zahnarzt nicht die beliebteste Tätigkeit zu sein. Für einen Eingriff kriege ich bis heute mitleidsvolle Blicke. Es brauchte vier Assistentinnen. Zwei für die OP und zwei, die mich streichelnd festhielten und mir sagten, ich solle weiteratmen.

Man kennt mich also in der Praxis. So wurde ich heute Morgen auch begrüßt: „Frau Nuthouse, was haben wir denn gestern schon wieder gemacht?“. Wir?! Wohl kaum. Aber berechtigte Frage. Was haben wir denn gemacht? Wir hatten uns nach einer verunglückten Wurzelkanalbehandlung im Universitätskrankenhaus einen weiteren Backenzahn ziehen lassen. Rechts. Seitdem habe ich Schmerzen. Links. Und zwar unter meiner Brücke, unter der zwei verkrüppelte Backenzahnfragmente ein geschütztes Restdasein führen. Seitdem war ich wöchentlich dort. Aber er fand nichts. Bis ich gestern eine geschwollene Wange präsentierte, deren realer Existenz auch mit fachlicher Gegenargumentation nicht abzuhelfen war. Diagnose: Wurzelfraktur. Unter einer intakten Brücke. Eigentlich unmöglich. Aber ich hatte es irgendwie geschafft. „Tja, das müssen wir aufschneiden und reinsehen.“ Och nö…Der Tag war ohnehin schon scheiße. Ich sitze da. Mache mich klein. Noch kleiner. Ich möchte im Stuhl verschwinden. Und weinen.

Danach sehe ich mich im Spiegel an. Ich versuche zu lächeln. Und lasse es schnell wieder. Ich sehe aus wie ein Vampir. Ein Vampir, der zum Trinken zu dämlich ist. Naja, an Halloween würd ich gar nicht auffallen. Leider ist gerade nicht Halloween. Schlechtes Timing. Mal wieder typisch.

Der Heimweg dauert ewig. Die Betäubung geht raus. Der Schmerz setzt ein. Aggressiv, rot, böse. Schmerz ist wie Scham. Man denkt, man würde sterben. Stellt fest, man wird nicht sterben. Und wünschte, man würde es doch tun. Aber nein, man muss da durch. Man weiß, es wird vorbei gehen. Die Frage ist nur, wann. Irgendwann. Denn irgendwann fangen die Schmerzmittel an zu wirken. Beeindruckend. Erleichternd. Morgen werde ich den Erfinder des Ibuprofen googlen und ihm einen Schrein in meiner Wohnung bauen. Vielleicht opfere ich ihm auch was. Meine beiden Backenzähne zum Beispiel. Die sind nach einhelliger Expertenmeinung jetzt nämlich auch abgängig.

Und damit kommen wir zum eigentlichen Problem dieser illustren Anekdote: Denn dann habe ich oben nur noch einen Backenzahn. In Worten: EINEN. Man muss nicht zwingend Medizin studiert haben, um sich vorzustellen, dass man damit kaum wird kauen können. Und ein Ersatz erst möglich, wenn die Wunden ausgeheilt sind. Das kann Monate dauern, vielleicht sogar ein Jahr.

Wie ich bis dahin essen soll, ist mir gerade noch ein Rätsel. Von der Optik ganz zu schweigen. Ich kann nur auf kreative Lösungen meines Zahnarztes hoffen. Und mir schon mal ein Suppenkochbuch kaufen.

Manchmal hasse ich es dann doch, Borderline zu sein.

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8 Gedanken zu “Komorbidität

  1. Ich kaue mein Leben lang schon meine Fingernägel fast bis zum Nagelmond runter. Macht das Leben auch nicht gerade leichter, vor allen Dingen im Hinblick auf potentielle Partner, Arbeitsplatzsuche, etc. – und lässt sich GAR NICHT verbergen.

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  2. Poah, endlich sagt es mal jemand! Exakt! Kann man tagsüber skillen so viel man will, in der Nacht macht der Körper Zumba, Krafttraining und Steppen auf einmal- und das nur mit dem Kiefer!

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  3. Und ich dacht ich bin ein Einzelfall. Letztes Jahr den gesamten Oberkiefer überkront gekriegt. Panikattacken aufm stuhl. Zahnärztin genervt und ich solle ich mal entspannen – hab ich gesagt sie soll mal Borderline machen. Hab einen gummiball mit stacheln zum kneten bekommen. Da war nach 5 min der erste stachel weg. Das dauerte aber alles auf zwei Wochen verteilt 8h… Furchtbarlich

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