Mutterliebe

Am Samstag war meine Familie da. Bruder, Kinder, Schwägerin. Und meine Mutter. Zum nachträglichen Geburtstagskaffee. Meine Familie zu sehen ist schön. Aber steht mir immer bevor. Zu viele Gefühle, zu viel Vergangenheit. Ausgesprochens und Unausgesprochenes. Verarbeitetes und Unverarbeitetes. Emotionale Minenfelder. Insbesondere die Beziehung zu meiner Mutter ist ambivalent. Jedenfalls von meiner Seite.

Aber alles lief friedlich. Harmonisch geradezu. Ich bat meine Mutter länger zu bleiben. Exklusive Zeit für uns. Zum Abschied innige Umarmung. Eine der seltenen Momente des vollendeten Gleichklangs. Warm, liebevoll, stimmig. Schön.

Um meine Haushaltsage wissend hatte sie Geld in der Wohnung hinterlassen. Ich freue mich. Und bin doch beschämt. Ich sollte ihr jetzt eine Nachricht schicken und mich bedanken. Aber ich mag nicht. Wahrscheinlich, weil genau das von mir erwartet wird. Dankbarkeit. Und daher bin ich trotzig. Und mache: Nichts. Außerdem habe ich Besuch.

Später rief sie an. Wahrscheinlich war sie gut angekommen. Wissen tue ich es nicht. Denn auch den Anrufbeantworter höre ich nicht ab. Wir waren uns vorhin so nahe, warum das Gefühl durch Kommunikation kaputt machen? Nach so viel Nähe, brauche ich Abstand. Komisch. Bei meinen Liebhabern versende ich im Anschluss gern eine Nachricht: „Es war wundervoll. Ich freue mich auf‘s nächste Mal.“ Und liebe es sowas zu erhalten.

Sonntagmorgen noch `ne Mail. Wie schön alles war! Wie großartig ich ausgesehen habe! Was für eine tolle Gastgeberin ich bin! Und wie unendlich gut mein Kuchen war!! Meine Freundin findet das sehr nett. Mir ist das zu viel. Ich kann das nicht annehmen. Und antworte nicht. Noch nicht.

Heute Morgen dann per Mail. Mit Dank, Wochenendbericht, Kuchenrezept. Bevor ich sie abschicken kann, noch eine Mail von meiner Mutter. Sie hätte nichts von mir gehört! Würde sich Sorgen machen! Große Sorgen! Klar. Sonntags gehe ich schließlich immer Fallschirmspringen oder balanciere auf Brückengeländern. Etwas kocht in mir. Ich fühle mich bedrängt, erdrückt, vereinnahmt. Ich kriege Beklemmungen. Es schnürt mir die Luft ab und den Brustkorb zu. Ich muss mich abgrenzen. Die Emanzipation der Adoleszenz nochmal vollziehen. Mich schreiend aus dem Mutterleib befreien, Laufen lernen, ausziehen. Innerhalb von fünf Minuten. Abstand schaffen. Und das tue ich auch. Schriftlich. Und hinterher tut es mir leid. Wie jetzt gerade. Und fünfzehn Jahre Therapie haben mir nicht geholfen diese Dynamik zu verstehen.

Und unangenehme Gedanken kommen in mir auf: Was, wenn sich meine Partner von meiner Liebe auch erdrückt fühlen? Was, wenn ich auch derart entgrenzt und vereinnahmend liebe? Huh. Zu viel für einen Montagmorgen. Es wartet eine Promotion auf mich. Und die fühlt sich von meiner Liebe sicher nicht vereinnahmt. Oder wie mein Coach empfahl: Sie sollten zur Abwechslung mal eine Liebesbeziehung mit ihrer Doktorarbeit eingehen. Also dann: Komm her, Baby! Komm zu Mama.

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2 Gedanken zu “Mutterliebe

  1. Mammas eben …
    Meine bekommt Herzrasen und Alpträume, wenn das 51-jährige Söhnchen mal nicht am Sonntag anruft, um seine Gesundheit und Unversehrtheit zu bestätigen. Ruft es dann am Montag nicht an, sind am Dienstag trotz fehlender Meldungen in der Tagsschau zu Atombombenabwürfen auf HH, bzw. Jahrtausendhochwässern panische Anrufe auf dem AB…
    Ich nehme es inzwischen als Teil meines Lebens, wie den morgentlichen Sonnenaufgang …

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  2. Ich habe das gleiche Verhältnis zu meinen Eltern, wie die Bloggerin. Gerade das emotionale Hin und Her, was man innerlich mit sich ausmachen muss. Ständig weiß man die Erwartungshaltung der Eltern im Hinterkopf, was immer erdrückender wird. Wenn ich meine Eltern besuche, ist alles so herzlich und liebevoll erdrückend, dass dann danach am Liebsten für ein paar Monate kein Kontakt mehr halten möchte. Ich brauche einfach Wochen, um das Alles zu verarbeiten. Während meines Studiums hatte ich wenigstens genug Möglichkeiten gehabt mich von Allem abzukppeln. Diese ständige Anrufen und Whatsappen geht mir so auf die Nerven, und wehe man liest und antwortet nicht…..

    Danke für den Blog! Endlich teilt jemand mit mir diese Gefühle!

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