Bilanzen

Zurück am Forschungsinstitut. Auch große Wiedersehensfreude hier. Und Überraschung! Meine Büroraumkollegin war ebenfalls krank. Ebenfalls Psychiatrie. Promotionsstressbedingter plötzlicher Totalausfall. Selbstzweifel. Panik. Systemabsturz. Zack. So schnell kann’s gehen. Zwei junge Nachwuchswissenschaftlerinnen zeitgleich in der Klapse. Die Statistik scheint zu stimmen. Und der Chef kriegt Sorgenfalten.

Meine vermeintliche Leidensgenossin hatte somit das, was ich allen erzählte hatte gehabt zu haben. Stimmte ja auch. Aber eben nur auch. Zeit für einschlägigen Erfahrungsaustausch. Kreativgruppe? Klar! Ich so: Speckstein. Sie so: Korbflechten. Medikamente: Ich so: Nö. Sie so: Antidepressiva. Bettnachbarn? Sie so: Schwierig. Ich so: Ja. Die Mitpatienten? Ich so: … Sie so: Heftig. Die Schizophrenen, Zombies auf Neuroleptika. Und die Borderliner!

Ja, die Borderliner. Schlechtes Thema. Ganz schlechtes Thema. Mein Körper verspannt sich. Ich rolle die Zunge nach hinten. Vorsorglich. Verschlucken geht leider nicht. „Die weinen wegen jeder Kleinigkeit. Und regen sich auf. Krass. Ich habe da einen kennengelernt, der ….“. Ich lausche ihren Ausführungen. Schmücke mein Gesicht mit einem milden Lächeln. Ein Stresstoleranzskill. Hilft nur nicht, wie ich feststelle. Und werde mit einem „Findest Du nicht?!“ aus meinem selbstverordneten Trancezustand gerissen.

Ok. Ich sammle mich kurz. Ich will mich nicht aufregen. Oder belehrend sein. Schullehrerhaft. Andere unschöne Attitüden zeigen, die ich mir überwunden zu haben vorgenommen hatte. Schließlich hat sie nicht Unrecht. Aber… ich kann nicht anders. Und muss meiner Persönlichkeitsstruktur Rechnung tragen. Erst recht nach dieser Einführung.

„Weißt Du, was ich in der Klinik gelernt habe? Dankbarkeit. Dankbarkeit, dass es mir so gut geht. Und Demut. Demut vor dem Schicksal der anderen und dem willkürlichen Zufall, dass es sie getroffen hat und nicht mich. Demut in Anerkennung meiner eigenen Grenzen. Und Mitgefühl, denn keiner von uns hat sich ausgesucht so zu sein.“

Schweigen. Wir schauen uns an. Wir schauen auf unsere Tastaturen. Wir arbeiten weiter.

Wer sich an dem Begriff der Demut stört: Ich meine Demut nicht im christlich-religiösen Sinne oder gegenüber einem deterministischen Schicksal, sondern in der besten Frommschen Auffassung als realistische Selbsteinschätzung und Weg zur Überwindung des eigenen Narzissmus. Sich selbst nicht als Maßstab zu nehmen und Menschen objektiv zu sehen. Ihnen die Freiheit zu geben, so zu sein wie sie sind. Kurz: Sie wahrzunehmen ohne zu werten. 

Und so bekommen auch die verhassten Übungen aus der Äußeren Achtsamkeit plötzlich Sinn. Und der Vorfall zeigt, dass zwischen mir und dieser Haltung noch ein ziemlich weiter Weg liegt….

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2 Gedanken zu “Bilanzen

  1. Toller text…demut und dankbarkeit lernt man iwann, wenn auch mit etwas abstand, aber es hilft. Verständnis für andere leidende zu haben, ist sinnvoll und hilft bei seinem eigenem mist. Doch ständig kann man auch nicht immer verständnis haben und da gehts wieder um grenzen. Grenzen zu mir und den anderen…;-) keiner ist buddha.

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  2. Hmmmm … ich sitze hier und überlege, was ich gesagt hätte … hätte ich etwas sagen können?
    Ich weiß es nicht, aber deine Antwort war definitiv besser.

    Und doch macht es nachdenklich … so für mich … und ich frage mich, ob ich das nun auch so sehen sollte und kann, dass es andere schlechter getroffen hat.
    Dabei hab ich immer versucht, mich NICHT mit anderen zu vergleichen.

    Hm, aber vielleicht als Antwort, um andere zum Schweigen zu bringen? Hm, vielleicht

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