Nähe und Distanz

Ich mag Menschen. Ich mag Menschen sogar sehr. Ich kann sie nur nicht um mich haben. Zumindest nicht immer. Und nur in homöopathischen Dosen. Gesellschaft zu brauchen und nur bedingt ertragen zu können, ist eine der fieseren Paradoxien meiner Persönlichkeitsstruktur.

Soziale Medien wie Facebook sind daher optimal. Man hat Menschen um sich. Aber auf Distanz. Ich kann mich einbringen oder auch nicht. Ich bin in Gesellschaft. Und trotzdem allein. Ohne einsam zu sein. Toll. Etwas zu toll. Denn darüber vergesse ich gern zu arbeiten. Schaue lieber den Menschen beim Menschsein zu. Stundenlang. Oder kommuniziere mit ihnen.

Denn ich bin ein kommunikativer Mensch. Ich kann ewig hin und her schreiben. Aber telefonieren? Ein Graus. Ich gehe nicht ans Telefon. Nie. Ich höre die Mailbox ab. Und schreibe zurück. Ich habe eine anklagende Liste mit unerledigten Rückrufen. Aber ich arbeite daran. Einfach mal rangehen, wenn es klingelt. Telefonieren tut nicht weh. Macht häufig sogar Spaß. Die Idee von etwas ist oft viel schlimmer als die Realität. Wie beim Fahrradfahren. Immer sträube ich mich dagegen. Vehement. Doch sitze ich erstmal drauf, bin ich begeistert. „Ich hatte ganz vergessen, wie toll das ist…“ Ja. Jedes Mal wieder. Ich glaube, dass es eine spezielle Form des Fahrradalzheimers bei mir gibt. Aber zurück zum Thema.

Der Vorteil der digitalen Kommunikation gegenüber persönlicher ist, man kann sie einfach abstellen. Das kann man bei realen Beziehungen nicht. Und ganz besonders nicht bei Paarbeziehungen. Einfach aufstehen und gehen wird im Allgemeinen als unhöflich betrachtet. Eine Beziehung plötzlich zu beenden ist zwar möglich, aber nicht unendlich oft. Ich hab da so meine Erfahrungen. Bis zu dem Vorschlag die Beziehungsunterbrechungen als konstituierenden Bestandteil dieser anzusehen. Das kann funktionieren. Eine Weile zumindest.

Man ahnt schon. Auch in Partnerschaften hab ich ein leichtes Nähe- und Distanzproblem. Was sich meist im Verlust von Distanz äußert. Meinen Partner kann ich dauernd um mich haben. Räumliche Trennungen sind auszuhalten, aber schmerzhaft. Und, nein, ich rede nicht von den ersten verwirrten drei Monaten der ekstatischen Verliebtheit. Das kann über Jahre gehen. Dramen gibt es trotzdem. Oder vielleicht gerade deshalb.

Aber Dramen sind gut. Dramen sind intensiv. Ich liebe intensive Gefühle. Meine. Die meines Partners. Und seine zu mir. Er kann mir zweimal täglich sagen, wie sehr er mich liebt. Und ich würde trotzdem noch um Nachschlag bitten. Gleiches gilt für körperliche Zuwendungsbekundungen. Auch davon kann ich nicht genug bekommen. Und bei zu wenig Zuwendung suche ich halt Streit. Ist auch eine Form der Aufmerksamkeit. Und eine sehr intensive sogar. Klingt anstrengend? Ist es auch. Aber mit dem passenden Verrückten durchaus händelbar.

Ok. Ich übertreibe ein wenig. Der literarischen Zuspitzung geschuldet. Denn zwischen emotionaler Theorie und gelebter Alltagspraxis bestehen durchaus Unterschiede. Sogar ich interagiere nicht alles aus, was ich denke oder fühle. Eine Kontaktanzeige sollte ich hiermit wohl trotzdem nicht aufgeben. Und eine Beziehung erst wieder eingehen, wenn ich begeistert telefonierend Fahrrad fahre.

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9 Gedanken zu “Nähe und Distanz

  1. Nicht nur großartig, sondern mir aus der Seele geschrieben. Chapeau!
    Hast Du mal “Heartcore‘ von Johanna Merhof gelesen? Könnte Dir gefallen, vor allem der Schreibstil, erinnert an Deinen! (Ich hoffe, der ungefragte Tipp ist okay).

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  2. Ich wache auf, erster Griff zum Handy. Hhhhmmmm. Claudia hat dich in einem Kommentar markiert. Ok, schau ich mal nach: Stern, Borderline…… Alter…. geht’s noch? Wie dreist ist das denn?

    Dann lese ich deine Zeilen und denke: Danke liebe Claudia. Du bist ein Schatz.

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  3. So, ein Fahrrad hast du noch, nehme ich an?
    Ein Smartphone auch? Damit soll man sogar telefonieren können, hörte ich mal jemanden sagen.
    Und du kannst auflegen, wenn du allein sein willst … du kannst reden, aber musst nicht unendlich:
    „Sorry, wenn ich weg bin, ist mein Akku alle. Ich wünsch dir jetzt schon mal nen schönen Tag.“
    Beliebt bei mir ist das Telefonieren im Auto „Du sorry, ich mag dich nicht abwürgen (doch, mag ich eigentlich schon und tu ich gerade), aber ich bin nun an meinem Ziel angekommen und muss nun aussteigen. Bis demnächst“

    Und wenn du erst Mal „Ausstiegsmöglichkeiten“ aus dem Gespräch hast, lässt sich alles viel leichter ertragen.

    Vielleicht aber erst ohne Fahrrad? 😀

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