Erster Arbeitstag. Zweiter Versuch.

Mein erster Arbeitstag war doof. Zumindest keineswegs so wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Nach zwölf Wochen stressbedingter Auszeit waren die antizipierten Erwartungen an meine Verwandlung hoch. Ein Teil der Belegschaft wusste, wo ich war. Nur den wahren Grund meines Aufenthalts, den kannten sie nicht. Von Burnout war die Rede. Das schien mir salonfähig. Und war nicht mal gelogen. Wäre ich nicht zufällig noch Borderliner mit Suchtproblemen, ich hätte mich auch mit akuter Stresserkrankung einweisen können. So traf ich vorab auf Verständnis. Und Mitgefühl. Vor allem bei meinen Vorgesetzten. Von Seiten der Kollegen wohl eher Akzeptanz. Gepaart mit zweideutigen Rückmeldungen zu meiner Offenheit. Ich war verunsichert. War das jetzt Anerkennung? Oder ein Spiegel meiner Naivität?

Ich hatte Freunde gefragt. Selbst von der eingeschränkten Ehrlichkeit wurde durchweg abgeraten. Auf die Frage, warum? Keine klaren Antworten. Schweigen, drucksen. Gestammelte Satzfragmente, die ich als Angst interpretierte. Angst als schwach zu gelten. Angst nicht belastbar zu sein. Angst vor Bloßstellung. Angst nicht befördert zu werden. Irgendwann. Ja, das kann ich nachvollziehen. Umso mehr überraschte es mich, wie egal mir das war.

Eine Studie der DAK zur Folge haben 17% aller Krankheitstage von Arbeitnehmern ihre Ursache in psychischen Erkrankungen. Nach dem Gesundheitsreport der TK sind besonders junge Arbeitnehmer und Studierende betroffen. Ich scheine in guter Gesellschaft zu sein. Also warum nicht dazu stehen? Irgendjemand muss ja damit anfangen. Das trägt zur gesellschaftlichen Akzeptanz bei. Und ist es nicht ein Zeichen von Stärke sich Hilfe zu holen, wenn man sie braucht? So hatte ich entschlossen nach meiner Rückkehr ebenfalls offensiv damit umzugehen. Und mich auch gegenüber dem Rest der Belegschaft zu meiner kleinen psychiatrischen Exkursion zu bekennen.

Und wie gern hätte ich mein buddhagleiches Lächeln der Entlassungstage präsentiert. Dieses innere Strahlen, das Freunde fragen ließ: Wer ist das? Und was hat sie mit Nina gemacht? Stattdessen mein Leuchten jäh erloschen. Durch den Selbstmordversuch der Freundin in der Nacht zuvor. So huschte ich über die Büroflure. Versuchte allen aus dem Weg zu gehen. Und vor allem der erwartungsvollen Frage: Wie geht es Dir?! Nein, so hatte ich mir das nicht vorgestellt.

Nun also der zweite Versuch. Ohne Selbstmord. Dafür mit Erdbeerkuchen. Nach einem Rezept á la Psychiatrie, garniert mit Anekdoten aus der Backgruppe. Die irritierten Blicke der Kollegen waren durchaus amüsant. Der Flurfunk hatte doch nicht alles von selbst geregelt, wie ich dann erkennen musste. Im Kreise der Kollegen gab ich dann nicht nur Kuchenrezepte, sondern auch praktische Tipps im Umgang mit der Vorgesetzten zum Besten. Es sollten doch alle von meinen Erfahrungen profitieren. Zum Beispiel aus der äußeren Achtsamkeit: Sie wahrnehmen ohne zu werten. Aus der inneren Achtsamkeit sie zu validieren: „Ich merke, dass Sie sich gerade aufregen. Das kann ich verstehen. Das ist auch ok.“ Oder einfach radikale Akzeptanz, ein Stresstoleranzskill: Sie ist so wie sie ist, weil sie nicht anders sein kann, sonst wäre sie anders. Ein schönes Mantra, wie ich finde. Und in fast alle Situationen anwendbar. Bei den Kollegen allgemeine Heiterkeit. Zum Teil sogar ehrliches Interesse. Und unter dem Deckmantel der Ironie blieb verborgen, wie ernst ich es damit meine.

Ob mir mein offensiver Umgang schaden wird? Ich weiß es nicht. Und es kann mir mittlerweile tatsächlich egal sein. Ab Januar bin ich weg. Habe einen neuen Job. In einer neuen Stadt. Beförderung inklusive. Nichtsdestotrotz, ich hätte mich nicht anders entschieden, wenn ich hier geblieben wäre. Ob selbstbewusst oder leichtsinnig sollen andere beurteilen. Für mich bleibt es eine Stärke zu seinen Schwächen zu stehen. Aber vielleicht muss man dafür einfach stark genug sein.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s