Erfolgreich Scheitern

In der Klinik wird zwischen Rückfall und Konsumereignis unterschieden. Ein Konsumereignis ist ein einmaliger Vorfall. Nachdem man sofort intervenieren soll, damit er nicht zum Rückfall wird. Das langanhaltende Wiederabdriften in den Konsum. Und die damit verbundenen Folgen. Darauf wird man vorbereitet. Erfolgreich Scheitern nennen sie das.

Ich sah das anders. Ich hatte mir meine eigene Definition zurechtgelegt. Ein Konsumereignis ist der geplante Konsum an einem bestimmten Tag. Kontrollierter Kontrollverlust sozusagen. Ein Rückfall ist, wenn ich nicht aus einem konkreten Anlass heraus konsumiere, sondern weil es mir schlecht geht. Oder ich mit mir und meinen Gefühlen nicht klarkomme. Alkohol also als Bewältigungsinstrument für Krisensituationen nutze. Wie ich es in der Vergangenheit leider allzu oft getan habe.

Für die Zeit nach der Klinik hatte ich zwei Konsumereignisse geplant. Das erste, wenn ich die Zusage für meinem neuen Job bekomme. Und das zweite an meinem Geburtstag. Den Job habe ich gekriegt. Und das Ereignis gebührend gefeiert.

Und dann kam gestern.

Die Woche war hart. Und anstrengend. Ich habe viele Situationen und Momente intensiver Gefühle erfolgreich bewältigt. Aber gestern war irgendwas zu viel. Schon als ich zum Einkaufen fuhr, wusste ich worauf es hinauslaufen würde. Ich ging mehrfach an meinem Lieblingslokal vorbei und versuchte den Moment hinauszuzögern. Ich ging im Kreis, telefonierte mit Freunden, lenkte mich ab. Doch ich hatte mich entschieden. Ich steuerte das Lokal an. Und dann hatte ich eine Erscheinung. Gabriel. Der Erzengel in Form eines großen, schwarzen Mannes. Ein ehemaliger Mitpatient. Ich hatte ihn in dieser Umgebung erst gar nicht erkannt. Er grinste mich an. Wir sprachen kurz. Sogar über die Rückfälle der anderen. Wie stolz wir auf uns sein können. Har har.

Ich hatte schon einmal eine Erscheinung. Als mir in der Klinik alles zu viel wurde und das Gelände mit dem Entschluss verließ ein alkoholhaltiges Getränk zu erwerben. Als ich den Supermarkt betrat, stand sie da. Eine Universitätskollegin. Eine ältere Dame. Im Supermarkt. In diesem Teil der Stadt. Um 22:30 Uhr. Sollte man in ihrem Alter und um diese Uhrzeit nicht längst auf der Couch liegen?! Ich ging rückwärts wieder raus. An der Tankstelle kaufte ich eine Cola. Ging zurück zur Klinik und steckte den Kopf in den Eiseimer. Ging auch. Ging sogar besser.

Aber diesmal hatte ich meinen Entschluss gefasst. Zudem glaub‘ ich nicht an Zeichen. Ich ging in das Lokal und trank eine Weißweinschorle. Der Effekt war überwältigend. Der dunkle Nebel verschwindet. Mein Gehirn von kognitiven Dissonanzen befreit, konnte ich wieder klar denken. Und auch meine Einkäufe beenden. Gabriel lief mir dabei noch zweimal über den Weg. Wie eine stille Anklage. Aber nein, ich glaube nicht an Zeichen, Schicksal oder Fügungen.

Denn es fügte sich alles so prächtig. Meine Freundin zu Hause in Feierlaune. Die Elektroparty in der Nachbarschaft. Tanzen im Regen. Eine verirrte Taxifahrt. Polizei. Plitschnass nach Hause zu trampen. Und dort weiter zu feiern. Nur das Gefühl am nächsten Morgen. Das hatte ich wirklich nicht vermisst. In dem Moment war ich auch froh, auf der Party niemanden gefunden zu haben, der mir noch Drogen verkauft.

Aber es war Zeit der Tatsache ins Auge zu sehen. Es war ein Rückfall. Rückfall ist kein schönes Wort. Rückfall ist ein Wort für Alkoholiker. Ein noch unschöneres Wort. Ein hässliches Wort. Für hässliche Menschen, die verwahrlost Wodka aus Flaschen trinken. Kein Wort für junge und adrette Damen, die guten Wein schätzen. Und deren Konsum von ihren Mitpatienten belächelt wurde. Niedlich, haben sie gesagt. Aber ich weiß es besser. Leider. Und höre auf mir was vor zu machen. Es wird keine Konsumereignisse mehr geben. Und auch keine Rückfälle. Hoffentlich.

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Ein Gedanke zu “Erfolgreich Scheitern

  1. Da ich von hinten erst hier angelangt bin, weiß ich noch nicht, ob es bei dem „Hoffentlich“ geblieben ist.

    Aber was mir zum Thema „Rückfall“ einfällt aus der Klinik damals:
    Ein Rückfall ist nur deshalb ein Rückfall, weil du schon weiter warst und er zeigt dir, was mal dein Alltag war und nie wieder sein soll. Und weil du es schon mal da weg geschafft hast, wirst du es auch wieder schaffen.

    Somit wünsche ich dir alles Gute dabei

    Gefällt 1 Person

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