Last man standing

Ich möchte behaupten, dass die Mitpatienten zu einer erfolgreichen Therapie ganz entscheidend beitragen. Nach anfänglichen sozialen Integrationsschwierigkeiten fand ich mich als Teil einer angenehmen Gemeinschaft weiblicher Mitpatientinnen wieder. Man lebt zusammen. Berät und unterstützt sich. Man kennt die Geschichten, teilt Ängste, Sorgen und Hoffnungen. Spendet Kraft und Zuversicht

Nun sind wir nach und nach entlassen worden. Und kehren zurück in unsere Heimatorte quer durch die Bundesrepublik. Wir wollten in Verbindung bleiben, um uns weiter unterstützen und füreinander da zu sein zu können. Und haben eine WhatsApp-Gruppe eingerichtet. Ich hielt das für eine gute Idee. Doch dann kamen die Schreckensnachrichten. Täglich. Manchmal stündlich. Im Liveticker. Und man kann nichts tun.

Sandy ist auf Crystal. Uta hat sich das Gesicht zerschnitten. Und in ihrer Heimatstadt wieder einweisen lassen. Ronny und Clara, unser Stationspärchen, gehen gemeinsam in den Untergang. Zwei Borderliner in einer Beziehung sind einer zu viel. Selbst wenn sie abstinent geblieben wären. Stattdessen: Heroin, Kokain und Dramen im Serienformat. Messerattacken. Polizei. Angedrohte Selbstmorde. Man liest die Nachrichten. Versucht zu helfen. Und ist doch einfach machtlos. Und letzte Nacht dann Kerstin. Auch noch Kerstin. Sie aufblühen zu sehen, war ein Geschenk. Und hat sich gleich auf der Heimfahrt betrunken. Ihr Freund sich daraufhin getrennt. Es folgt Totalabsturz. Alkohol, Selbstverletzungen, das volle Programm. Bilder von blutenden Unterarmen. Ich muss an ihre Tochter denken. Und kann plötzlich nicht mehr.

Wir wollten uns gegenseitig Kraft und Halt geben. Stattdessen nur Untergang und Scheitern. Ich wende mich ab. Überfordert, ratlos und verzweifelt lösche ich das App von meinem Handy. Ruhe. Und das verzweifelt schlechte Gewissen sie im Stich zu lassen. Aber ich kann sie nicht retten. Ich muss mich um mich selbst kümmern. Heute ist mein erster Arbeitstag.

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3 Gedanken zu “Last man standing

  1. Ich war in einer ähnlichen Situation. Krankheit – Therapie – Gemeinschaft – Entlassung – „Wir sind immer für einender da“ – Euphorie – Freundschaft – Alltag – Stagnation – Ruhe vor dem Sturm – Absturz Nr. 1 – Rückfall Nr. 2 – Notruf Nr. 3 – Verzweiflung – Ratlosigkeit – Machtlosigkeit – Angst vor eigenem Rückfall – Kontaktabbruch – Schuldgefühle – Es wird besser…
    Es wurde besser. Die Tatsache, dass man als krankheitsbedingte Zweckgemeinschaft nach Zusammenhalt und Freundschaft gesucht hat, hält dem Alltag leider nicht stand. Dafür sind (und sollten es auch sein) alle Beteiligten zu sehr mit sich selber beschäftigt, denn nur so hat man die Chance aus dem Teufelskreis der Krankheit herauszubrechen. Schöne und verbindende Erinnerungen mit Mitpatienten/Mitleidenden/Mitwissenden/Mitheilenden, die bleiben trotzdem erhalten.

    Mottl

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  2. Such dir lieber in deinem Ort eine Gruppe, mit Menschen, die dauerhaft stabil sind. So hart es auch ist. Ich kann dir die 12 Schritte Gruppen total empfehlen. Die haben mir echt das Leben gerettet. Wie die anonymen Alkoholiker Bsp. oder Emotional Anonymous.

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  3. Korrekt, wir können niemand anderes retten.

    Furchtbare Erkenntnis, oder?
    Jeder ist leider selbst dafür verantwortlich, was er tut – aber umgekehrt, hat er sein Glück auch selbst in der Hand.

    Und genau das ist es, was ich an deinem Blog so mag, durch den ich mich nach und nach „durcharbeiten“ werde,

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