Die Situation verlassen

Es gibt eine Strategie der Abstinenzsicherung, die nennt sich „die Situation verlassen“. Kurz gesagt: Man geht einfach. Klingt leicht, ist es aber nicht.

Heute habe ich das erste Mal die Situation verlassen. Es war der Geburtstag meines besten Freundes. Wir trafen uns am frühen Abend zum Grillen im Park. Es gab Fleisch. Und Alkohol. Beides viel, variantenreich, alternativlos. Ideal also für abstinente Vegetarier. Aber ich hatte vorgesorgt. Mit Grapefruitbrause und Laugenbrezel. Zumindest die Musik war exzellent.

Also tanzte ich. Limo trinkend und Brezel kauend. Gut zwei Stunden. Was blieb mir anderes übrig. Ach ja, Konversation betreiben. Ich schaute in die Runde und wusste, warum ich sonst konsumiert habe. Na gut, vielleicht war ich auch einfach nicht in Gesprächslaune. Aber mit Alkohol war das egal. Betrunken kann ich mit so ziemlich jedem reden. Was die Situation weiter schwer erträglich machte, war einer der Gäste. Mir bis dato unbekannt. Jedoch so überpräsent und dabei derart unsympathisch, dass ich mir seine Präsenz wohl auch nicht hätte schön trinken können. Härtere Drogen wären wahrscheinlich ebenfalls keine Hilfe gewesen; es sei denn sie hätten mich direkt in die Bewusstlosigkeit oder ein Paralleluniversum katapultiert.

Und während ich weiter über die möglichen Wirkungen illegaler Substanzen sinnierte und die nächste Runde Tequila ablehnte, wurden eben diese quasi als Nachtisch serviert. Ok, Nina, Zeit für Dich zu gehen. Und jetzt kommen wir zum schwierigen Teil von „die Situation verlassen“: Das „Wie Du gehst schon?!“ Ein vielkehliger Kanon gepaart mit überrascht-ungläubigen Blicken. Ja, ich konnte es ja selbst kaum glauben. Ja, ich gehe schon. Und den Satz gefühlte hundert Mal zu wiederholen, machte es nicht eben besser. Ich sagte was von Arbeiten und frühem Aufstehen und lerne: Beim nächsten Mal mache ich mich einfach aus dem Staub. Und gebe nur dem Gastgeber ein Zeichen. Stiller Abgang ohne Erklärungen. Kurz und schmerzlos.

Ich war noch auf eine andere Party eingeladen. Nach der ersten Standhaftigkeitsherausforderung war für eine zweite Widerstandsprobe jedoch keine Kraft mehr übrig. So saß ich dann allein zu Hause. Samstagabend. 22:00 Uhr. Ich fühlte mich traurig. Und einsam. Eine Form der Einsamkeit, die auch nicht durch Gesellschaft zu bekämpfen ist. Eine Einsamkeit in der ich nur einen anderen Menschen ertragen könnte: Meinen Mann. Dummerweise habe ich gerade keinen.

Bei Traurigkeit wurde mir beigebracht, wie man sich selbst trösten kann. Da Gefühle kindlich sind, solle man sich vorstellen, ein Kind zu trösten. Sein inneres trauriges Kind sozusagen. So weit, so psychotheoretisch. Aber wie – zur Hölle – tröstet man sein trauriges Kind, wenn man selbst verdammt traurig ist? Darüber musste ich nachdenken. Schließlich stellte ich mir vor, es in den Arm zu nehmen. Dann ist man halt zusammen traurig. Und, oh Wunder, plötzlich auch nicht mehr allein.

Nach dieser Erfahrung habe ich meinen schizoiden Kindergarten lieber schnell ins Bett gebracht. Und halte fest, dass ich so durchgeknallte Sachen nicht mal auf den Drogen gemacht hatte, die ich vorhin ausgeschlagen habe. Und mich selten so verrückt gefühlt, wie bei den Übungen zur geistigen Gesundheit.

Gute Nacht.

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7 Gedanken zu “Die Situation verlassen

  1. Stimmt schon, die innere Kind Geschichte wirkt sehr strange, aber mir hilft es echt total!! 🙂 Und mit Gleichgesinnten kann ich mich toll austauschen, die verstehen alles, deshalb gehe ich auch so gerne in meine Selbsthilfegruppe. Da fühl ich mich verstanden und nicht alleine, wie sonst.
    Alles Liebe für dich!

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  2. hahaha mit dem inneren Kindergarten kann ich auch nichts anfangen, auch mit keinem Tresor oder sicherer Ort und so nem Krams. ABER Situationen verlassen kann ich mittlerweile super… einfach weg und ein Wort =) funktioniert super (verschafft dir aber keine Freunde).

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  3. Übungen … und manchmal denkst du, du bist bekloppter als zu dem Zeitpunkt, bevor du den Unsinn kanntest, ja? 😀

    Zumindest glaube ich es manchmal, wenn ich über das leben so sinniere

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    1. Verrückt. Normal. Das sind so gesellschaftlich konstruierte Kategorien, mit denen ich wenig anfangen kann. Wichtig ist mein subjektives Wohlbefinden. Und die Versuchsanordnung läuft noch…

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      1. Korrekt, aber aus diesem Schubladendenken muss man erst mal heraus klettern können.

        Ich hab da immer noch einen lieben Therapeuten im Ohr, der mir sagt, dass die Norm meist gar nicht so spannend ist und sich viele dort nicht wohl fühlen. Also solle ich gar nicht versuchen, da hinein zu passen. Lieber in mich hinein hören, was ich eigentlich erreichen möchte.

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  4. Polnischer Abgang – keine Raketenwissenschaft. Inneres Kind: schon eher. Hätte ich auch nicht gedacht. Aber geht. Hab den kleinen sehr leibhaftig gesehen. Krasser Scheiss.

    Ob das jedes Mal hilft? Sicher nicht. Ich glaube als Skill ist es ungeeignet. Für mich zumindest. Das hilft mir wohl in so krassen bewusstseinswerdungen und nicht in der akuten Lage.

    Mir hilft es aber, die Gestalt, die in den Momenten hinter mich tritt und die ich wegwischen will, bewusst zu erleben. Wie auf einer Leinwand. Und eben nicht in den Verdrängungswettbewerb zu gehen.

    Diese Busfahrer-Metapher. Geiler Scheiss. Da fahre ich meinen Bus und Kurve links, Kurve rechts, und auf einmal steht jemand hinter mir. Ein Fshrgast. Und spricht mich an. Oder steht da einfach. Und ich will auf den reagieren. Die Gestalten haben Namen. Aber keine Gesichter. Die heißen Unzulänglichkeit (bis ich einen besseren Namen gefunden habe), ExJunkie, Angsthase usw.

    Das blöde: die steigen irgendwann ein. Aber nie aus. Aber zu wissen, wann sie eingestiegen sind, ist eine Erkenntnis. Und was sie wollen, die andere. Wenn man das übereinanderlegt, geht es weiter.

    Wir sind alle ziemlich gleich in unseren Ängsten denke ich. Wir haben andere Mechanismen. Aber dass wir die haben, egal ob BL oder was auch immer, zeigt doch nur eins: all the same shit. Ach ja, Anglizismen findet Dr. nuthouse ja blöd: alles die gleiche Scheisse 🙂

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