Wiedereingliederung

Endlich wieder zu Hause. Ich stehe in der Küche und bin erfüllt von Liebe. Liebe zu mir. Liebe zu meinen Mitpatienten und sogar zum Krankenhauspersonal. Liebe zu der ganzen Welt. Ich stehe in meiner Küche und könnte weinen vor Glück. Einfach, weil die Welt so schön ist. Selbst der versiffte Kühlschrank in meiner versifften Küche tut meinen Gefühlsstürmen keinen Abbruch. Ja, ich hege sogar nur gedämpften Groll gegen meine Untermieter, die mir meine Wohnung in einem derartigen Zustand hinterlassen haben. Ich würde mich schämen für so was. Aber halt! Ist doch alles grad so schön. Kein Platz für negative Gedanken. Zudem muss ich auf meiner rosa Wolke noch zum Hausarzt schweifen. Ich brauche eine Krankschreibung. Die Vorstellung morgen ins Büro zu gehen, wirkt sich negativ auf meinen Endorphinhaushalt aus.

Um 14:58 Uhr stehe ich vor der Praxistür. Zwei Minuten vor Sprechstunde. Planung ist alles. Zwei weitere Minuten später sitze ich strahlend vor der strahlenden Ärztin. Wie zwei kleine Atomkraftwerke emittieren wir um die Wette.

„Was kann ich für Sie tun?“

„Ich war gerade drei Monate in der Psychiatrie und bin heute entlassen worden. Können Sie mich noch bis nächste Woche krankschreiben?“

Ihr Strahlen verdunkelt sich. Sorgenvolle Miene. Stirnfalten. „Haben Sie den Entlassungsschein dabei?“

„Äh, sicher. Der ist aber für meine Therapeutin.“

„Ja, den kriegen sie auch wieder. Wir scannen den dann ein.“

Na, toll. Ein weiterer, ewiger Zeuge meiner geistigen Verfasstheit.

Sie liest das Dokument. Die ganzen sieben Seiten. Aufmerksam. Zeile für Zeile. Ihr Blick wechselt zwischen mir und dem Papier. Ich weiß, wann die guten Stellen kommen. Ich versuche gewinnend zu lächeln. Und vollkommen geheilt auszusehen. Dabei frage ich mich, ob es einen irgendwann aufhören wird zu stören, psychisch entblößt zu werden. Vor gut zehn Jahren musste ich an meinem Hinterteil operiert werden. Der Chirurg war stolz auf seine Arbeit. Ich werde nie vergessen wie er mit einer zehnköpfigen Studententruppe an meinem Bett stand und noch während er „Es stört Sie doch nicht…?“ fragte, die Decke von meinem frisch operierten Gesäß zog. Ich weiß nicht, was sich schlimmer anfühlt.

„Und wie fühlen Sie sich jetzt?“ reißt mich die Ärztin aus meinen posttraumatischen Erinnerungen.

„Großartig! Ich hätte nur gern etwas Eingewöhnungszeit zu Hause, bevor ich wieder zu arbeiten anfange.“

„Großartig. So so. Es kommt ziemlich häufig vor, dass Patienten sich nach der Entlassung geradezu euphorisch fühlen. Das kann sich aber sehr schnell ändern.“

Euphorisch?! Ich?! Ich denke an die Liebeswallungen in der Küche und fühle mich ertappt. Und versuche unmittelbar mein Grinsen auf ein normaldurchschnittliches Maß zusammenzuziehen. Was ungefähr so erfolgreich ist, als wolle sich ein Breitmaulfrosch als Eidechse tarnen.

Meine Beteuerungen, dass ich mich tatsächlich ganz normal fühle und mit mir alles bestens in Ordnung sei, prallen vollkommen an ihr ab. Sie nimmt ihre Aufgabe ernst. Sehr ernst. Von Wiedereingliederungsmaßnahmen ist die Rede. Von ihrem Kollegen, einem Psychiater, falls ich jemanden zum Sprechen bräuchte. „Was ich brauche ist eine Krankschreibung verdammt!“ sage ich natürlich nicht. Sondern lächle weiter gezwungen verhalten und nicke verständig und dankbar.

Sie schreibt mich dann krank. Für einen Tag. Und will mich Montag wiedersehen. Zur Sicherheit. Die alte Nina hätte sich jetzt sicher aufgeregt. Nina 2.0 dagegen freut sich, dass es tatsächlich Ärzte gibt, die ihren Beruf so verantwortungsvoll und gewissenhaft ausüben.

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3 Gedanken zu “Wiedereingliederung

  1. Du musst Verständnis für diese Ärztin aufbringen. Sie lebt davon, was sie tut. Eine Krankschreibung alleine ist da nicht so lukrativ.

    In ihrer Rechnung an deine Krankenkasse, die eigentlich nur deine Krankschreibung betreffen sollte, wird wahrscheinlich eine Diagnose auf postpsychatrieaufanthaltsgeneriere Euphorie stehen – nun ja, wie gesagt, Ärtzin muss ja leben 😎

    Gefällt 1 Person

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