Aufbruch

Ich wünschte mir einen Moment, ich hätte Ihr Leben, wo mein größtes Problem darin besteht, dass mir jemand sein Cabrio anbietet, um damit die Stadt zu verlassen. Carol Connelly, As good as it gets.

Nein, ich habe kein Cabrio. Es ist ein VW Polo. Aber den habe ich vollgepackt und mit dem werde ich jetzt die Stadt verlassen. Vielleicht für immer. Erstmal.

Viele Menschen werde ich vermissen. Doch es überwiegt die Leichtigkeit. Die Leichtigkeit des Aufbruchs und eines Neuanfangs. In eine Stadt zu gehen, in der man nicht jede Straße kennt. Nicht jedes Gesicht in der Bahn meint schon mal gesehen zu haben. Nicht jede Ecke, jeder Platz so mit Erinnerungen belegt ist, dass kein Raum für neue bleibt. In eine Stadt aufzubrechen, die wieder beschrieben werden kann. Mit Erlebtem und Ereignissen. Dinge wieder zum ersten Mal zu tun. Mit Menschen an Orten. Bedeutungen zu schaffen. Und über die Dichte der Bedeutungen sich langsam heimisch zu fühlen.

Ja, man lässt viel zurück an einem Ort. Doch am selben eine Andere zu werden ist schwer. Eine neue Lebensweise in alten Strukturen zu etablieren ebenfalls. Ja, man lässt viel zurück an einem Ort. Nicht nur Freunde und Bekannte, auch Teile von sich selbst. Und davon werde ich manche nicht vermissen.

Ich fahre auf die Autobahn. Das große blaue Schild sieht freundlich aus. Es hat einen Namen mit einem Pfeil, der mir den Weg zeigt. Und während ich langsam schneller werde, schaue ich zurück auf Hamburg und mein altes Leben. Deren Zeit ist nun vorüber. Und mit diesem Lebensabschnitt ist auch dieser Blog zu Ende.

Konstruktivismus

Zeit ist keine apriorische Gegebenheit oder eine immanente Eigentümlichkeit der Natur, sondern eine menschliche Syntheseleistung auf hohem Abstraktionsniveau (Nobert Elias). Und was für die Zeit im Allgemeinen gilt, gilt auch für den Kalender. Eine mehr oder weniger willkürliche Einteilung von Zeiteinheiten und Abschnitten, die der Orientierung und Synchronisation von menschlichen Tätigkeiten dienen. Ein Witz der Geschichte, dass ausgerechnet die Ausweitung des Eisenbahnverkehrs zur Vereinheitlichung von regionalen Zeitzonen führte. Und man doch den Eindruck hat, die Bahn würde in ihrer eigenen Zeitzone existieren. Aber das ist ein anderes Thema.

Eine dieser hochsynchronisierten Tätigkeiten ist das Feiern von Silvester. Wie in keiner anderen Nacht überkommt die Menschen der kollektive Wunsch etwas Besonderes zu machen. Etwas ganz Besonders. Selbst ausgeprägte Partyasketen holen nun die Tanzschuhe raus. Und die Formel Frohe Weihnachten wird unmittelbar abgelöst durch die alljährlich wiederkehrende Frage Was machst Du Silvester? Silvester. Die Leistungsdisziplin in der Amüsier- und Ausgehkultur.

In China wird das neue Jahr zwischen dem 21. Januar und 21. Februar begangen. In Ländern Vorder- und Zentralasien zum Frühlingsanfang am 21. März. In Thailand und im Hinduismus wird Neujahr Mitte April gefeiert. Im Islam wandert der Jahreswechsel fröhlich durch den Kalender. Im Judentum findet Neujahr im September oder Anfang Oktober statt. Noch vor 300 Jahren war in Russland Silvester am 1. September. Und Luther wollte das neue Jahr lieber am 25. Dezember feiern. Das ist gerade mal 500 Jahre her.

Und ich? Ich bin Atheist. Und werde Silvester heute feiern. Mit meinen Lieblingsmenschen in meinem Lieblingslokal. Entspannt und unaufgeregt. Dafür exklusiv. Mit Konfetti, Luftschlangen und Wunderkerzen.

Und morgen, wenn alle sich versammeln, um ein Fondue oder Raclette, sich drängeln in überfüllten Clubs mit Tanzschuhträgern zur Party des Jahres, die schon deshalb meist enttäuschend ist, werde ich einfach gar nichts tun. Außer vielleicht Neujahrsputz.

Lotterie

Es gibt diesen Spruch aus Forrest Gump Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen – man weiß nie, was man kriegt. So weit, so kitschig.

Hat man jedoch Borderline, ist man selbst die Pralinenschachtel. Und weiß nie, was man kriegt. Ob Nougatcreme oder Pistazienmintfüllung. Eine stete Überraschung. Jeden Tag. Und außerhalb jeglichen Einflussbereiches. Nichts hat sich verändert. Alles wie zuvor. Doch schmeckt es plötzlich …nun ja, nach Pistazienmintfüllung eben. Ekelhaft und ungenießbar.

Denn irgendetwas drückt und nagt. Wie zu enge Schuhe. Ein undichter Wasserhahn im Kopf. Schraubknecht an den Schläfen. Man ist gereizt. Man will sich wehren. Und weiß nicht gegen was. Ich hör‘ in mich hinein – so wie ich es gelernt habe. Befrage mich was los ist. Und krieg‘ doch keine Antwort. Weil es wohl auch keine gibt.

Zum Glück kenne ich das schon. Und weiß, dass es vorbeigeht.

Und weiß, dass es nicht hilft, die Wohnung zu zerlegen. Mit einem Baseballschläger. In Einzelteile. Auch wenn ich genau das machen will. Weiß, dass es nicht hilft, sich selbst zu verletzen. Ganz leicht. Mit einem scharfen Gegenstand. Auch wenn ich genau das machen will. Und weiß, dass es nicht hilft, sich zu betrinken. Mit Wodka. Viel Wodka. Auch wenn ich genau das machen will.

Ich weiß, dass Liegestützen helfen. Und kilometerweit zu laufen. Bis ich total erschöpft bin. Ich weiß, dass schöne Dinge helfen. Menschen, Handlung und Gedanken. Auch wenn ich trotzdem aggro bin. Ich weiß, dass mir der Alltag hilft. Zu machen, was geplant ist. Weitermachen. Schritt für Schritt. Auch wenn ich dabei wütend bin.

Zum Glück kenne ich das schon. Und weiß, dass an sich gar nichts hilft. Nur, dass es vorbeigeht.

Dass morgen alles anders ist. Mit Milchcreme und Champagnertrüffel. Wenn mir wieder alles schmeckt, entspannt und wunderbar ist. Wenn es schön ist, ich zu sein. Mit einem unversehrten Körper. In einer heil gebliebenen Wohnung. Und all das ohne Kater.

Nicht nur zur Weihnachtszeit

Weihnachten. Die Zeit der höchsten Selbstmordrate. Und das kann man auch verstehen. Zu keiner Zeit ist es schwieriger allein zu sein. Und ist man nicht allein, ist man mit der Verwandtschaft. Was für viele nicht weniger schwer zu ertragen ist. Und zu keiner Zeit ist die Präsenz der Abwesenden so schmerzhaft spürbar.

Ja, Weihnachten kann auf viele Arten grausam sein. Muss es aber nicht. Denn irgendwas ist schließlich immer. Zu viel Familie. Zu wenig Familie. Zu viel Zeit. Viel zu wenig Zeit. Zu hohe Erwartungen, denen die Realität nicht gerecht wird. Oder zu wenig Enthusiasmus, wo man ihn sich gewünscht hätte.

Daher gibt es von mir etwas Besinnliches zu Weihnachten. Ein Geschenk für alle, die sich über besserwisserische Schwiegereltern, exzentrische Tanten und die streitende Verwandtschaft ärgern. Für alle, bei denen die Gans nicht gar wird, das Soufflee zusammenfällt und die Crème brûlée verbrennt. Für alle, die vermeintlich falsch beschenkten. Die sich über Topfsets, Bügeleisen und Selbstgehäkeltes zu freuen versuchen. Und ganz besonders aber für diejenigen, die all dieses nicht haben. Ein Auszug aus meiner Lieblingsmeditation exklusiv aus meiner Lieblingspsychiatrie. Eine Allzweckwaffe, die hilft. Eigentlich immer. Und in allen Lebenslagen:

Atmen Sie ruhig durch die Nase. Sammeln Sie Ihre Aufmerksamkeit und lenken Sie diese auf den nächsten Atemzug.

Lassen Sie alle Gedanken und Vorstellungen los, mit denen Sie hierhergekommen sind. Lassen Sie zu, dass die Vergangenheit von Ihnen abfällt, und lassen Sie alle Gedanken an das, was als nächstes kommen mag, los.

Versuchen Sie alle Empfindungen, ob angenehm oder unangenehm, mit Gelassenheit zu betrachten. Lassen Sie alles so sein wie es gerade ist. Nichts erwarten und nichts erreichen wollen.

Frohes Fest.

On Air

Letzte Nacht hatte mein Traum eine Werbeunterbrechung. Tatsächlich eine Werbeunterbrechung. Mit einer Zielgruppenansprache zwischen ZDF Fernsehgarten und dem Nachmittagsprogramm von RTL II. Ich bin enttäuscht. Mein Unterbewusstsein sollte mich besser kennen. Doch wer weiß. Vielleicht schauen noch weitere zu.

Davor war mein Traum in einer anderen Sprache. Eine Sprache, die ich nicht verstand. Wohlmöglich empfängt man mich auch in anderen Ländern.

 

Ruhe und Sturm

Die letzte Abgabe erledigt. Terminkaskaden absolviert. Weihnachtsfeiern überstanden. In solchen Wochen, dicht getaktet, sehne ich nur eins herbei. Den Moment, auf den die Handlung zielt und hinter dem die Freiheit liegt. Die Freiheit wieder Zeit zu haben. Endlich wieder Zeit zu haben. Zeit um mal im Bett zu bleiben. Zeit um ziellos zu Flanieren. Zeit um Menschen zu betrachten. Zeit sich beim Denken zuzuhören.

Dann ist der Moment fast da. Adrenalinpegel gesenkt und Zeitdruckschmerz verflogen. Doch statt Entspannung kommt erst Angst. Die Angst davor nun Zeit zu haben. Zeit um Zeit für sich zu haben. Angst mit mir allein zu sein.

Davor bin ich weggelaufen. Immer bin ich weggelaufen. Nicht warten oder innehalten. Nicht runter- und zur Ruhe kommen. Ständig in Bewegung bleiben. Settingwechsel. Ausgehen, feiern. Methadon für die Synapsen. Und flüssig verabreichte Sinnkonstruktion. Erst wenn der Körper Ruhe fordert, der Geist schon lange nicht mehr denkt, dann konnt‘ auch ich nach Hause gehen.

Doch diesmal ist es anders. Diesmal fahre ich nach Hause. Und stelle mich der Angst. Denn die Furcht ist bloß Gewohnheit und die Flucht nur ein Reflex. Über Jahre antrainiert. Die Gründe dafür längst beseitigt. Überdauert bloß als Artefakt.

Was bleibt ist ein Gefühl der Leere, das manchmal aufkommt. Dumpf und hohl. Dann spüre ich die Leerstelle. Diese offene Stelle, die neben mir besteht. Neben mir in meinem Bett. Auf dem Stuhl am Küchentisch. Am Einkaufswagen vor’m Regal.

Doch auch die wird nachbesetzt. Neu in einer neuen Stadt. So pack ich langsam meine Sachen. Melancholisch und auch froh. Und sag Auf Wiedersehen, Hamburg und Hallo, ich komm zu Dir, Berlin.